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Besseres Olympia : Raus auf die Straße!

21.07.2012 00:00 Uhrvon

Der britische Autor Mark Perryman entwirft ein Modell für ein besseres Olympia – mit übers Land verteilten Sportfesten und ohne Diktat von Sponsoren.

Sei es Sebastian Coe und das Organisationskomitee der Olympischen Spiele (Locog), sei es der britische Premier David Cameron oder seine Vorgänger Gordon Brown und Tony Blair. Sie alle sind vereint im überparteilichen Konsens, dass alles, was mit den Spielen zu tun hat, wunderbar läuft. Nichts von dem, was das Internationale Olympische Komitee (IOC) und die Sponsoren verlangen, wird infrage gestellt. Alle vereint der unerschütterliche Glaube, dass Olympia ohne Zweifel etwas Gutes für die Stadt ist. Unterstützt werden sie von den Medien, die dieses allumfassende Bild der Zustimmung verstärken – angeführt von der BBC, der man alle kritischen Fähigkeiten chirurgisch entfernt zu haben scheint zugunsten des Cheerleadings.

Dabei ist der Missmut außerhalb der parlamentarischen Blase und die der Medien sehr offensichtlich. Ein Missmut, der von Ticketmangel bis hin zu den Privilegien des IOC und der Sponsoren reicht. Derweil existiert ein wesentlich breiter, tiefsitzender Zynismus darüber, dass die Spiele nicht den versprochenen Nutzen bringen werden. Der Missmut ist wohlbegründet: Es gibt kaum Anhaltspunkte von vorherigen Spielen für ökonomische Regeneration oder einen substanziellen Anstieg der Beschäftigung. Nirgendwo hat sich die sportliche Aktivität der Menschen erhöht. Und die Reiseindustrie betont wiederholt, dass Olympia eher zu einem Rückgang der Besucher führt.

Ich liebe Sport, und ich gebe mit Freude zu, dass ich als einer der ersten den Spielen verfallen werde, wenn sie sie erst einmal beginnen. Aber ich bin auch fest davon überzeugt, dass sie so viel besser sein könnten. Meine „neuen fünf Ringe“ begründen sich aus dem demokratischen Grundsatz, dass man, um „heimische“ Spiele lohnenswert zu machen, die maximale Anzahl von Menschen erreichen muss. Wenn das nicht der Fall ist, bedeutet das Fernbedienung und Sofa für die meisten von uns und dann könnten die Spiele auch irgendwo anders als hier stattfinden – mal abgesehen von den Ausgaben und den Unannehmlichkeiten.

Ring eins: dezentrale Spiele

Wenn eine solche Struktur gut genug für eine Fußball-WM sind, warum nicht auch für Olympia? So könnte man auch der Versuchung entgehen, neue teure Sportstätten und Infrastruktur mit ungeklärter Nachnutzung zu bauen. Als Resultat davon, dass ein Großteil des olympischen Programms zugänglich wäre, würden die Spiele zu etwas werden, dem sich das ganze Land zugehörig fühlt und nicht nur eine Stadt oder Region.

Ring zwei: maximale Partizipation

Als Resultat der Dezentralisierung könnten wir die riesigen Stadien nutzen, die Großbritannien besitzt, in denen auch bei Olympia Fußball gespielt wird. Doch man könnte sie auch für viele der anderen Sportarten nutzen. Die Londoner Sportstätten erreichen nur einen Bruchteil der Zuschauer und erhöhen so die Ticketpreise für die Wenigen, anstatt sie für die Vielen zu senken.

Ring drei: raus aus den Stadien

Ziel sollte es sein, möglichst viele frei zugängliche Events zu haben. Eine Tour of Britain im Radsport, ein Segelrennen um Großbritannien, ein Kanu-Marathon, Freiwasser-Schwimmveranstaltungen in unseren Seen. Das Ausmaß von Londons chronischem Mangel an Ambitionen zeigt die Verschrottung der Marathonroute – einer der wenigen frei zugänglichen olympischen Wettbewerbe. Die Londoner Route, die jedes Jahr von hunderttausenden Zuschauern gesäumt wird, wurde durch einen vier Mal sechs Meilen langen Rundkurs ersetzt – und damit das Zuschauerpotential um 75 Prozent vermindert.

Ring vier: faire Sportarten

Es sind immer dieselben Länder, die im Reiten, Segeln und Rudern gewinnen, während ganze Kontinente in diesen Wettbewerben noch nie eine Medaille gewonnen haben. Das gilt auch für Bahnradfahren, Fechten, Modernen Fünfkampf und viele andere Wettbewerbe. Für diese Sportarten bedarf es großer Investitionen und spezieller Ausstattung. Und sie haben, außer Radfahren, keine riesige Fangemeinde. Kein Vergleich zur Breite der Länder, die im Boxen, Fußball und über die Laufstrecken Medaillen gewonnen haben. Für diese Sportarten bedarf es keiner teuren Ausrüstung, die Regeln sind einfach und sie sind massenwirksam. Wenn Sportarten diese Kriterien nicht erfüllen, sollten sie durch andere ersetzt werden. Mein Favorit für die Wiedereinführung ist das Tauziehen, das zum letzten Mal bei den Spielen 1920 ausgetragen wurde. Es ist eine der denkbar einfachsten Sportarten, alles was man braucht, ist ein robustes Seil. In einem ausverkauften Stadion ist auch ein Tauzieh-Wettbewerb ein potenzieller Publikumsliebling – mindestens genauso, wenn nicht sogar mehr, als einige der privilegierten Sportarten, die momentan den olympischen Status genießen.

Ring fünf: ein Symbol für den Sport

Dreht die Prioritäten um: Der Gebrauch der kostbaren olympischen Ringe sollte einzig Freiwilligen und gemeinnützigen Organisationen erlaubt sein, die Sponsoren sollten von jeglicher Nutzung der fünf Ringe verbannt werden. Sie brauchen den Sport genauso sehr wie der Sport ihre Millionen braucht, und doch verkauft sich der Sport und reißt sich ein Bein aus, um den ewig-wachsenden Wünschen der Sponsoren gerecht zu werden. Doch wer ist der größte Sponsor der Spiele 2012 in London? Der britische Steuerzahler.

Ist meine Alternative unmöglich? Nicht mal ansatzweise. Was ich vorschlage, sind bessere Spiele, für mehr Menschen, die eine größere Zahl der bestehenden Anlagen benutzt, Heim-Spiele mit echter Partizipation. Ich möchte das beste aus den Spiele nehmen, in die ich mich verliebt habe: München 1972, ich habe noch immer ein Stickeralbum als Beweis. 40 Jahre später erinnert man sich zurecht meist nur noch an die Tragödie der israelischen Athleten, die entführt wurden und in einem Blutbad starben. Aber diese Spiele sind für mich auch Mary Peters, die den Fünfkampf gewinnt, indem sie ihren üppigen Körper über die Hochsprunglatte befördert. Und der US- amerikanische 800- Meter-Läufer Dave Wottle, der mit der erstaunlichsten Aufholjagd aller Zeiten siegte – unbedingt auf Youtube ansehen – und dann vergaß, für die Medaillenübergabe die ramponierte Kappe abzunehmen, mit der er immer lief. 2008 beschrieb das US-Magazin „Running Times“, Wottles Sieg kennzeichne „das Ende der Unschuld des Sports und Olympias“, weil die Vergessenheit des Sportlers aussah wie Produktplatzierung. 1972 brachte Sicherheitskontrollen in die Spiele, Montreal 1976 war die erste Stadt, die große Verluste machte, Moskau wurde Ziel eines US-geführten Boykotts. Und Los Angeles 1984 waren die ersten überkommerzialisierten Spiele, weil das IOC erstmals Lizenzen an Werbeträger vergab – kurz darauf, im Jahr 1986, ließ es die Professionalisierung aller olympischen Athleten zu.

Es gibt eine Alternative, begründet auf den Prinzipien der Gleichberechtigung, Vielfalt und Zugänglichkeit, die das Potential hat, das bestehende Model des Primats der mächtigen Großunternehmen herauszufordern. Wir sollten uns fragen: Warum hat bis heute niemand eine solche Alternative vorgeschlagen? Dies könnte der Beginn einer Debatte sein.

Der Autor ist Verfasser des Buches „Why The Olympics Aren’t Good For Us, And How They Can Be“, das kürzlich bei OR Books erschienen ist. Der Text wurde übersetzt von Anke Myrrhe.

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