Sport : Bestimmen, was läuft

Bundestrainer Löw will seinen Vertrag nur verlängern, wenn er sein Konzept im DFB durchsetzen kann

Stefan Hermanns

Berlin - Pressekonferenzen der deutschen Fußball-Nationalmannschaft lassen in der Regel wenig Raum für Überraschendes: Meistens kommt ein Vertreter der sportlichen Leitung, dazu ein Spieler, vielleicht auch zwei; gestern aber wurde zu Beginn der Veranstaltung auch noch ein Überraschungsgast angekündigt, und zwar nicht irgendeiner, sondern einer zum Thema Vertragsverlängerung. Würde der Vertreter eines westfälischen Wurstfabrikanten kommen, um die Fortsetzung seines Engagements als Mitglied im Ernährungspool des Deutschen Fußball-Bundes bekannt zu geben? Oder doch DFB-Präsident Theo Zwanziger, um Bundestrainer Joachim Löw vor laufenden Kameras einen neuen Vertrag unterschreiben zu lassen? Am Ende trat dann Nationalspieler Simon Rolfes aus der Kulisse und überbrachte die freudige Nachricht, dass er auch in den nächsten beiden Jahren für Bayer Leverkusen spielen werde.

Im internationalen Vertragsverlängerungenvergleich handelte es sich um eine eher unspektakuläre Nachricht. Die einzige Vertragsverlängerung, die in diesen Tagen wirklich interessiert, wäre die von Bundestrainer Joachim Löw. Seit dieser Woche ist das Thema auf dem Markt, und inzwischen hat es eine unzeitgemäße Dynamik angenommen, die sogar die unmittelbar Beteiligten ein wenig irritiert. Die Angelegenheit werde „ein bisschen hochgespielt“, sagte Löw. Stand der Dinge ist, dass der DFB in Person von Manager Oliver Bierhoff mit dem Wunsch nach Vertragsgesprächen an Löw herangetreten ist. Verhandlungen will der Bundestrainer allerdings erst führen, wenn seine Mannschaft die Qualifikation für die Europameisterschaft sichergestellt hat. Im Auswärtsspiel gegen Irland am Samstag in Dublin (20.45 Uhr, live in der ARD) genügte ihr dazu schon ein Unentschieden.

Der Bundestrainer ist ein Freund von Automatismen, aber nicht unbedingt dann, wenn es um die Verlängerung seines Vertrages geht. Dass der DFB seinen Wunsch nach Fortsetzung der Zusammenarbeit äußert und Löw automatisch unterschreibt, wird jedenfalls nicht passieren. Zuvor will er die Motive des Verbandes erkunden: „Orientiert man sich nur an den guten Ergebnissen? Oder ist man von unseren Methoden überzeugt?“ Nur in diesem Fall hielte der Bundestrainer eine Vertragsverlängerung für sinnvoll.

Aus dem zeitlich befristeten Projekt seines Vorgängers Jürgen Klinsmann will Löw ein Dauerprojekt machen. „Wir sind im Moment stark“, sagte der Bundestrainer. „Aber wir müssen das auch in den nächsten Jahren beweisen.“ Im Freudentaumel über die hohe Qualität der Nationalmannschaft wirken solche Äußerungen fast deplatziert, aber Löw mahnte erneut, dass die Konzepte in der Nachwuchsausbildung optimiert werden müssten, erinnerte an das Ziel, einen einheitlichen DFB-Spielstil zu kreieren und alle Juniorenteams im selben System spielen zu lassen wie die A-Nationalmannschaft.

All diese Ideen stammen wie so vieles bei der Nationalmannschaft aus der Zeit Klinsmanns. Löw hat dessen Arbeit mit beeindruckendem Erfolg fortgesetzt, ohne einfach nur eine detailgetreue Kopie seines Vorgängers zu sein. „Wir wollen weg vom Reagieren, hin zum Agieren“, sagt er. „Wir zwingen dem Gegner ein Stück weit unser Spiel auf. Wir bestimmen, was läuft.“ Löw hat Klinsmanns Methoden verfeinert, auf seine Art, mit seinem Stil, also wesentlich weniger dogmatisch als sein Vorgänger. Denn so ähnlich beide in ihren Überzeugungen auch sein mögen, in Nuancen lassen sich durchaus Unterschiede feststellen. Klinsmann zum Beispiel wollte nur Spieler aufbieten, die auch in ihren Vereinen Stammspieler sind; Löw hingegen lässt Lukas Podolski spielen, Bastian Schweinsteiger und Piotr Trochowski, obwohl sie in ihren Klubs allenfalls unregelmäßig zum Einsatz kommen.

Insofern sieht der Bundestrainer derzeit auch keinen Anlass, seinen bevorzugten Torhüter infrage zu stellen, obwohl Jens Lehmann seit Mitte August nicht mehr für seinen Klub, den FC Arsenal, gespielt hat. Sollte der unbefriedigende Zustand in London allerdings bis zum Ende des Jahres andauern, könnte sich im Hinblick auf die EM eine neue Situation ergeben. „Dann müssen wir uns zur gegebenen Zeit unterhalten: Was ist zu tun?“, sagte Löw. Oliver Bierhoff brachte in einem Interview mit dem „Kicker“ sogar einen Vereinswechsel Lehmanns ins Gespräch. Solche Gedankenspiele könnten sich schon bald als überflüssig erweisen. Jens Lehmann verkündete zuletzt, er werden schon in Kürze wieder die Nummer eins bei Arsenal sein. Joachim Löw sagte dazu nur: „Jens besitzt eine sehr gute Selbsteinschätzung.“

Die kleine irische Fußballwelt: Seite 27

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