Besuch bei Herthas Ex-Trainer : Die Retrospektive des Monsieur Favre

Lucien Favre wurde als Trainer von Hertha BSC erst gefeiert und dann entlassen. Nun sind die Berliner abgestiegen. Ein Besuch bei einem, der das Wort Polyvalenz nach Berlin gebracht hat.

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Gescheitert in Berlin. Bälle hochhalten konnte Lucien Favre schon als Kind so lange, bis er nicht mehr mitzählen konnte. Auch als Trainer von Hertha BSC feilte er an seinem Spiel und an dem der Mannschaft. Später dann verlor er sich allein auf dem Trainingsplatz.
Gescheitert in Berlin. Bälle hochhalten konnte Lucien Favre schon als Kind so lange, bis er nicht mehr mitzählen konnte. Auch als...Foto: dpa

Einmal am Tag geht Lucien Favre vor die Tür in sein persönliches Trainingslager. Auf den Rasenplatz vor dem Rapsfeld, wo der Sohn früher mit seinen Freunden gekickt hat, aber weil der Sohn längst nicht mehr zu Hause wohnt, ist Favre jetzt allein mit dem Ball. Es ist fast wie in alten Kindheitstagen, als der kleine Lucien Stunden damit verbracht hat, den Ball in der Luft zu halten, links und rechts und rechts und links, immer weiter, bis er die Berührungen irgendwann nicht mehr mitzählen konnte. Seine Eltern haben den Bauernhof gegenüber bewirtschaftet, lange bevor er das Haus gebaut hat. Eingerichtet wurde es von seiner Frau, „ich war ja immer unterwegs“, in Genf und Neuenburg, in Zürich und Toulouse, zuletzt zweieinhalb Jahre in Berlin.

„Ich mag diese Stadt“, sagt Favre, „und ich mag Hertha BSC. Ich hätte gern etwas aufgebaut, aber der Verein hat sich anders entschieden. Das muss ich akzeptieren.“ Vor ziemlich genau einem Jahr lag das Berliner Olympiastadion Lucien Favre zu Füßen. Hertha stand in der Bundesliga auf Platz eins, und die „Bild“-Zeitung feierte den Schweizer als „Super-Hirnli“. Als der Klub ein paar Monate später abstürzte auf den letzten Platz, formulierte das gleiche Blatt: „Das ist das Letzte, Herr Favre!“ Eine Woche später war er entlassen.

Im Rückblick sagt Lucien Favre, er sei gewiss nicht der Wundermann, zu dem man ihn im Frühling gemacht hat. Aber der Trottel vom Herbst will er auch nicht sein. Deshalb dieses Gespräch in seinem Heimatdorf Saint-Barthélemy. Sieben Monate nach seiner Entlassung, ein paar Tage nach der Entscheidung, dass Hertha aus der Bundesliga absteigt.

Lucien Favre will reden. Über die früheren Spieler Marko Pantelic und Josip Simunic. Über Polyvalenz, seine Lieblingsvokabel, die Hertha BSC inzwischen zum Unwort erklärt hat. Über die seltsame Abschiedspressekonferenz, die ihn einen Großteil seiner Abfindung kostete. Über die Reibereien mit dem später ebenfalls geschassten Manager Dieter Hoeneß. Vor ein paar Wochen hat er sich mit Hoeneß ausgesprochen. Beide wollen nicht viel reden über dieses Gespräch, außer, dass es ein gutes war. Lucien Favre sagt: „Es gibt kein Problem zwischen uns.“

Haben Sie Marko Pantelic verjagt, Monsieur Favre?

Kein Spieler hat das Berliner Publikum in den vergangenen Jahren so fasziniert wie der launische Serbe, dessen Auftritte oft große Inszenierungen waren und der nebenbei so viele Tore schoss. Dass Hertha den Vertrag von Pantelic im vergangenen Sommer nicht verlängerte, wird vor allem dem früheren Trainer angelastet. Lucien Favre sagt: „Ich bitte Sie, schauen Sie sich Markos Statistiken an: Immer wenn er fit war, hat er gespielt. Ich habe seine Leistung anerkannt.“ Warum haben Sie sich dann gegen eine Vertragsverlängerung gestellt? Mais non, Favre schüttelt den Kopf, „für solche Verhandlungen war ich nicht zuständig. Es gab eine Forderung von Marko über einen Vertrag über drei Jahre als Spieler und vier weitere als Manager. Das konnte der Verein nicht erfüllen.“

Mit Pantelics Abschied begann der Niedergang von Hertha BSC. Es war niemand mehr da für das Kerngeschäft des Toreschießens. Weil Andrej Woronin, der vom FC Liverpool ausgeliehene Stürmer, nicht zu finanzieren gewesen sei, habe sich die Scouting-Abteilung in Südamerika nach Alternativen umgesehen. Favre steht auf, „kommen Sie mit“. Sein Büro ist unterm Dach. Computer, Fernseher und an der Wand unzählige DVDs, Favre zieht drei davon aus einem Regal. „Adrian Ramos! Unsere Scouts waren schon damals begeistert von ihm, das war mein Mann, ich wollte ihn unbedingt haben, so schnell wie möglich.“ Der Kolumbianer Ramos ist dann tatsächlich nach Berlin gekommen, aber erst Mitte September, als die neue Saison schon sechs Wochen alt war. Lange Zeit hatte sich Herthas neuer Manager Michael Preetz der Illusion hingegeben, er könne den russischen Weltstar Roman Pawljutschenko nach Berlin holen. Die Blase platzte kurz vor Ende der Wechselfrist, und Preetz ließ eilig den Ersatzkandidaten aus Kolumbien einfliegen. Ramos fremdelte noch ein paar Wochen und schoss sein erstes Tor im November, als Hertha längst auf dem letzten Tabellenplatz stand.

Tore schießen ist das eine, Tore verhindern das andere. Die Verantwortung dafür hatte in Herthas Fast-Meistersaison bei Josip Simunic gelegen. Dem langen Kroaten, der die Berliner Abwehr mit zeitloser Eleganz organisierte. Sein Wechsel zu 1899 Hoffenheim machte Hertha um eine vertraglich festgeschriebene Ablöse von sieben Millionen Euro reicher. Und ließ das Defensivgefüge völlig zusammenbrechen.

Warum, Monsieur Favre, haben Sie den besten Innenverteidiger der Liga weggehen lassen?

Favre antwortet mit einer Gegenfrage: „Glauben Sie ernsthaft, dass ich Joe nicht behalten wollte?“ Er tippt sich an die Stirn. „Ich telefoniere von Zeit zu Zeit mit ihm. Wollen wir ihn anrufen? Jetzt gleich?“ Es gibt Leute in Simunics Umfeld, die interpretieren seinen Weggang als Enttäuschung darüber, dass der Klub in ihm vor allem die Chance zur wirtschaftlichen Sanierung gesehen habe. Diesen Mangel an Respekt kann man Lucien Favre schwerlich unterstellen. Wenn er über Josip Simunic redet, klingt das wie eine Liebeserklärung: „Joe war mein wichtigster Spieler. Er hat den Fußball exakt so interpretiert, wie ich es mir vorgestellt habe. Er war mein verlängerter Arm auf dem Platz. Sein Weggang hat Hertha und mich sehr schwer getroffen.“

Sätze wie diese hätte der frankophone Fußballlehrer noch vor ein paar Monaten nur mithilfe eines Wörterbuchs formulieren können. Mittlerweile liest er den „Spiegel“, schaut regelmäßig deutsches Fernsehen und redet viel mit deutschen Freunden. Früher hat Favre jeden zweiten Satz begonnen mit „Es ist klar“ und jeden dritten so beendet. Einmal wollte er bei einer Ansprache im Mannschaftsbus ein deutsches Sprichwort zitieren: „Wir sitzen doch alle im selben Fisch ...“ Er hat sich sofort korrigiert, aber ein paar Tage später stand die Geschichte in der „Bild“-Zeitung.

„Die Sprache war ein Problem“, sagt Favre. Ein Problem, das ihn viel Geld gekostet hat, als er im vergangenen Oktober nach seiner Entlassung mit einer Pressekonferenz im Hotel Adlon Abschied nahm. „Ich wollte auf meine Fehler hinweisen, bei der Zusammenstellung der Mannschaft, bei der Zusammenarbeit mit dem Verein. Es ging um meine Schuld, um meine!“ Was als Botschaft ankam, war genau das Gegenteil. Ein Rundumschlag gegen alles und jeden. Die Presse hat ihn geteert und gefedert, Hertha schickte die fristlose Kündigung. Es gab aber auch einen Anruf von Arne Friedrich. Herthas Kapitän bedankte sich im Namen der Mannschaft für einen Satz, der in der allgemeinen Aufregung ein bisschen untergegangen war: „Es war nicht so, dass die Mannschaft gegen mich gespielt hat.“

Lucien Favre hat sich warm geredet, jetzt muss er sich bewegen. „Kommen Sie, wir fahren ein Stück mit dem Rad.“ Saint-Barthélemy liegt im Waadter Mittelland zwischen Genfer und Neuenburger See. „Im Sommer können Sie von hier aus die Alpen und die Spitzen des Jura sehen“, aber im Mai ist es kalt und verhangen wie in Berlin. Favre kämpft sich gegen Wind und Regen über sanfte Hügel. Die Fahrt geht vorbei am Schloss und an den Feldern, die ihm und seinem Bruder gehören. Durch den Wald hin zum Bach und dem kleinen Wasserfall, wo die Forellen so gut beißen. Lucien Favre ist hier groß geworden und hat mit den anderen Kindern Fußball gespielt, er war meist der Kleinste, und wenn er den Ball nicht schnell genug wegspielte, gab es Probleme mit den großen Jungs. Auf den Lichtungen im Wald von Saint-Barthélemy verinnerlichte Favre die Segnungen des Kurzpassspiels, für das er genauso steht wie diese seltsame Vokabel, die er in Berlin eingeführt hat.

Reden wir über Polyvalenz, Monsieur Favre.

Polyvalenz bedeutet Mehrwertigkeit und war in Herthas zweieinhalb Schweizer Jahren unbedingte Einstellungsvoraussetzung. Als es im Olympiastadion zielstrebig Richtung Tabellenende ging, machten sich seine Kritiker lustig über Spieler, die so vielseitig waren, dass sie nichts richtig gut konnten. Über Stürmer, die als Verteidiger auch nicht viel schlechter wären und umgekehrt. Favre guckt irritiert. Hält man ihn wirklich für so blöd? Ein Erklärungsversuch zum Mitschreiben: „Bei Polyvalenz geht es nicht darum, dass ein Spieler alles kann. Er muss nur in der Lage sein, seine Position in unterschiedlichen Systemen unterschiedlich zu interpretieren. Schauen Sie sich Bayern München an. Thomas Müller ist polyvalent, weil er links und rechts im Mittelfeld spielen kann und auch im Angriff. Bastian Schweinsteiger ist polyvalent, weil er als Nummer sechs im zentralen Mittelfeld spielen kann, aber auch offensiv auf dem Flügel. Verstehen Sie? Das ist sehr wichtig!“

Die Radtour durch die Romandie hat hungrig gemacht. Es regnet immer noch, als Favre abends zum Essen nach Lausanne fährt. Fisch und Wein, aber nur ein Glas, „ich muss fit bleiben“. Zum Nachtisch gibt es Schokolade mit siebzig Prozent Kakaogehalt, die setzt nicht an. Der Weg zurück nach Saint-Barthélemy führt vorbei an dem Stadion hoch über dem Genfer See, wo Lucien Favre seine ersten Spiele als Fußballprofi gemacht hat. Es heißt Olympiastadion und wird bald abgerissen.

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