Sport : Besuch beim Psychologen

Graciano Rocchigiani hofft auf den offenen Vollzug

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Berlin. Die Runde tagte am Montag, und ihr Thema war der Häftling in Zelle 153 der Teilanstalt sechs. In einem Raum der Teilanstalt saßen ein Gruppenleiter, der Teilanstaltsleiter und weitere Personen der Justizvollzugsanstalt Tegel. Die Hauptperson stieß allerdings erst später zu der Runde: Graciano Rocchigiani, einstiger Weltmeister im Profiboxen, derzeit eingesperrt wegen mehrerer Delikte, Häftling der Zelle 153.

Es ging um die unmittelbare Zukunft des 38-Jährigen. Die Runde nennt sich „Vollzugsplan-Konferenz“, und sie muss entscheiden, ob Rocchigiani bis zum Ende seiner Haftzeit im Januar 2003 in den offenen Vollzug kommt. Normalerweise fällt die Entscheidung unmittelbar nach der Konferenz, aber bei Rocchigiani ist es anders. „Es gibt im Fall Rocchigani noch keine Entscheidung“, sagt Andrea Boehnke, die Justiz-Pressesprecherin. Anders als die „Bild“-Zeitung berichtet hatte, ist noch unklar, ob Rocchigiani seine restliche Haftzeit tagsüber in Freiheit verbringt. Nach Tagesspiegel-Informationen fällt in dieser Woche auch keine Entscheidung. Noch muss Rocchigiani also seinen juristischen Sieg über den Welt-Boxverband WBC in der Zelle feiern. Der WBC muss 31 Millionen Dollar an Rocchigiani zahlen, weil er ihm seinen WM-Titel gestohlen hat.

Das Warten hat einen einfachen Grund: Die Konferenz entschied, dass Rocchigiani erst dem Psychologischen Dienst der Anstalt vorgeführt werden muss. Dessen Experten müssen entscheiden, ob Rocchigiani die Freiheiten des offenen Vollzugs missbrauchen würde. Da nützte es nichts, dass Rocchigiani, wie ein Teilnehmer der Konferenz berichtet, „einen vernünftigen und stabilen Eindruck gemacht hat“. Das Problem steckte in seinen Akten. Denn der Leiter der Vollzugsanstalt Heiligensee hatte notiert, der Boxer müsse vor einer möglichen Verlegung erst mal psychologisch untersucht werden. Und so eine Empfehlung konnte die Runde in Tegel nicht einfach ignorieren. In Heiligensee hatte Rocchigiani seine einjährige Haftstrafe angetreten. Dort wurde untersucht, ob er für den offenen Vollzug geeignet ist. Den gibt’s in Heiligensee. Rocchigiani war es damals nicht. Die Sozialprognose war schlecht – und der Boxer wurde nach Tegel verlegt.

Für einen Häftling steigen die Chancen, in den offenen Vollzug verlegt zu werden, wenn er eine Arbeitsstelle hat. Dass Graciano Rocchigiani am 17. Oktober schon wieder vor Gericht muss – es geht um Widerstand gegen die Staatsgewalt – spielt bei dieser Entscheidung keine Rolle. Bei jenem neuen Verfahren gilt zunächst einmal die Unschuldsvermutung. Graciano Rocchigiani hat die Chance, bei der Sozialarbeiterin und Box-Managerin Eva Rolle mit Problem-Jugendlichen zu arbeiten. Damit sieht es für ihn ganz gut aus. Vielleicht kann sich der 38-Jährige aber wenigstens an einem besonderen Umstand erfreuen: Sein Urteil im Prozess gegen den Box-Weltverband war im US-Nachrichtensender CNN die wichtigste Nachricht. Frank Bachner

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