Sport : Besuch der reifen Dame

Lindsay Davenport entwächst dem Tenniszirkus

Oliver Trust[Filderstadt]

Lindsay Davenport sitzt da wie ein Gast, der dem Tenniszirkus gerade einen Besuch abstattet. Sie spricht bedächtig und überlegt. Ihre Bewegungen wirken reif und ausgeglichen. Eigentlich passt sie nicht mehr in den Tenniszirkus, in dem es von ehrgeizigen Teenagern nur so wimmelt, die nicht viel zu erzählen haben außer vielleicht, dass sie einmal die Nummer eins werden wollen. Die Tennisteenager ziehen von Turnier zu Turnier und machen jetzt beim Porsche-Grand-Prix in Filderstadt bei Stuttgart Station. Zwischen ihnen wirkt Lindsay Davenport wie eine Spielerin aus einer anderen Zeit.

Im Grunde war die 28 Jahre alte Amerikanerin auch schon anders, als sie selbst noch eine von den jungen Spielerinnen war. Früher wurde sie als Pummelchen verlacht, und sie wurde auch respektiert, weil sie oft ihre eigene Meinung hatte. Inzwischen ist sie verheiratet und hat konkrete Familienpläne im Kopf. „Siege bedeuten mir heute weniger. Dafür schmerzen auch die Niederlagen nicht mehr so“, sagt Davenport, die hinter der Französin Amelie Mauresmo als Nummer zwei der Welt geführt wird. Nach 40 Turniersiegen und 600 gewonnenen Einzelmatches hat sie genug. Fast jedenfalls. Irgendwann im nächsten Jahr wird sie still und heimlich aufhören. Ohne großes Brimborium: „Sonst würde ich nur heulen.“ Eines aber steht für sie fest: „Im Jahr 2006 seht ihr mich nicht wieder.“

Niederlagen seien nicht das Ende der Welt. Sie hat es früh gelernt, dieses Spiel der Höhen und Tiefen. Daheim in Palos Verdes/Kalifornien in der Familie, die Sport immer liebte, immer ehrgeizig war und zu einem Vater aufschaute, der bei Olympia startete. Bevor Davenport geht, will sie sich noch ein Abschiedsgeschenk machen. Als gehe es um Alltägliches sagt sie in Filderstadt: „Ich möchte noch einmal die Nummer eins werden, zum Jahresende.“

Selbst dieses Ziel formuliert sie mit aller Gelassenheit. Sie scheint im harten Tennisgeschäft ihren Weg gefunden zu haben. Viele andere wie ihre Landsfrau Jennifer Capriati haben die Belastung nicht ausgehalten. Lindsay Davenport aber leistet sich den Luxus der Entspanntheit und den der eigenen Meinung, die nicht immer zur offiziellen Linie der Damentennisorganisation WTA passt. Ob sie nun die WTA auffordert, ordentliche Dopingproben durchzuführen, offen sagt, dass die Amerikaner nur Spielerinnen aus den USA wirklich vom Hocker reißen oder den Zeiten nachtrauert, als „es noch Duelle gab, an denen sich die Zuschauer orientieren konnten“, sie fällt oft aus dem Rahmen. Sie setzte ein Gegenbeispiel. Auch zu den Kolleginnen wie Martina Hingis und Anna Kournikowa, die nach sieben Jahren ausgebrannt aufhörten. Davenport spielt seit zwölf Jahren. Und jetzt am Schluss mit neu erwachtem Ehrgeiz.

Ihre Chancen, noch einmal nach ganz oben zu klettern, stehen nicht schlecht. Die nächsten Turniere, sagt sie, lägen ihr. Der Spielbelag in Filderstadt passt ihr ins Konzept. Sie will noch einmal ein Zeichen setzen, „obwohl es Wahnsinn ist, wie viele neue, junge Spielerinnen Weltklasse sind“. Für sie aber ist die Verlockung groß, den vierten Grand-Slam-Titel ihrer Karriere zu gewinnen. Deshalb wird sie sich wohl auch für die Australian Open im Januar anmelden. Schließlich hat sie sich mit drei Turniersiegen in diesem Sommer wieder an die Spitze herangekämpft. Als eine aus der alten Riege. „So alt bin ich auch wieder nicht.“

Es wird ein Abschied à la Davenport. Einer ohne schmerzvolle Endgültigkeit. „Ich werde mich eine ganze Weile zurückziehen, eine lange Pause machen und dann irgendwann später die Tour in anderer Funktion begleiten“, sagt sie, sitzt ganz ruhig da und lächelt.

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