Sport : „Beten ist wichtiger als blasen“

Herthas Kapellmeister Goecke über die Stimmung im Stadion

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Herr Goecke, Sie sind mit Ihrer Blaskapelle nicht mehr zu hören im Berliner Olympiastadion, wenn Hertha spielt. Keine Puste mehr?

Puste haben wir mehr als genug. Nach zwei tollen Jahren setzen wir mal eine Saison aus.

Hertha wird also auch am Sonntag gegen den VfB Stuttgart ohne Ihre Blaskunst auskommen müssen.

Was soll ich darauf antworten. Ich glaube, im Moment hilft beten mehr als blasen.

War Ihre Blaskapelle zu laut, zu lau oder einfach zu teuer?

Das Projekt startete 2001. Die Akzeptanz wurde zunehmend größer. Nicht in der Fankurve, die machen ihr eigenes Gedöns. Aber bei den Familien und den normalen Fans kamen wir an. Bei einer Mitgliederversammlung des Vereins wurde ja über uns abgestimmt. Eine Frau, also ein Vereinsmitglied, hatte gemeint, eine Blaskapelle sei etwas für Unterhaching, nicht aber für Berlin.

Und?

Herthas Präsident Schiphorst, der ein großer Fan von uns ist, fragte in die Runde und die große Mehrheit votierte für unseren Verbleib. Wir spielten also weiter, aber schon bald war absehbar, dass Hertha sparen musste. Wir sind ja Profis und kosten Geld.

Hertha hat in dieser Saison von acht Heimspielen nur eins gewonnen. Sehen Sie womöglich einen kausalen Zusammenhang zwischen Ihrem Fernbleiben und dem Ausbleiben des sportlichen Erfolgs für Hertha?

Ha, bis zum Herbst haben wir noch gewitzelt, dass das mit uns im Stadion nicht passiert wäre. Jetzt wissen wir, dass alles wohl ernster ist. Aber wenn es mal so weit kommt, dass mit einer Brass-Band Spiele entschieden werden, wäre es patentverdächtig.

Wie fällt denn die Bilanz Ihrer Kapelle aus? Wie viele Heimspiele haben Sie geblasen, und wie viele davon wurden gewonnen?

Ich tippe mal, es waren so um die 40 Heimspiele, und unsere Bilanz fühlt sich gigantisch positiv an. Damals war Hertha noch eine Macht im eigenen Haus.

Vermutlich sind Sie gar nicht böse, dass Ihre Kombo nicht zu Hertha muss. In dieser Saison wird nur noch gepfiffen im Stadion.

Oh nein. Wir würden vieles tun, um die Stimmung zu heben. Viel schlimmer war die Bauphase, als es kein Dach mehr gab im Olympiastadion. Die Akustik war grauenhaft, kein Ton hatte Halt, durch den Wind landete die Musik auf dem benachbarten Teufelsberg.

Wurde Ihre Kapelle schon mal ausgepfiffen?

Ausgepfiffen? Beworfen hat man uns! Gleich beim ersten Mal. Einer von uns wurde von einem Bierbecher getroffen. Aber dann haben wir auch bei minus zwei Grad gespielt, das haben die Leute wohl honoriert.

Mal angenommen, sie würden Sonntag doch im Stadion sein: Was würden Sie denn blasen, den Radetzky-Marsch vielleicht?

Das kommt auf die Situation an. Wenn der Gegner weit übers Tor schießt, könnte man spielen: ,Über den Wolken’.

Und wenn von Hertha einer daneben haut?

Wenn das Spiel der eigenen Mannschaft schlecht ist, hilft nichts. Im Vordergrund steht der Sport. Wenn nix geht, muss man mal zehn Minuten still sein und dann wieder zur Attacke blasen: „Bonanza“ oder „Rocky“. Das Thema muss heißen: weiter Jungs!

Und was, wenn Stuttgart in Führung geht?

Tja, „Marmor, Stein und Eisen bricht“ vielleicht. Man muss immer erst ein paar Widerstände überwinden. Wenn es dann auf dem Rasen für die eigene Mannschaft läuft und die Tore fallen, ist es leicht, etwas zu spielen: „Einer geht noch, einer geht noch rein.“ Und so wird es hoffentlich auch kommen.

Das Gespräch führte Michael Rosentritt.

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