Sport : Betrüger gesucht

Warum es kurz vor Olympia so viele Dopingfälle gibt

Robert Ide

Berlin - Bei der Zeitungslektüre fühlte sich Peter Busse zuletzt unfreiwillig an die DDR erinnert. Als der Vorstandschef der Nationalen Anti-Doping-Agentur (Nada) von den vielen überführten Dopingsündern kurz vor den Olympischen Spielen in Athen las, dachte er zunächst: „Die Ausreisekontrollen wurden wieder eingeführt.“ Solche Kontrollen hatte die DDR-Sportführung ihren Athleten vor der Reise zu großen Wettkämpfen auferlegt, damit ihr Doping unentdeckt bliebe. Busse, der lange Direktor der Gauck-Behörde war und jetzt Fachmann für Dopingbekämpfung ist, hat inzwischen eine andere Erklärung für die vielen enttarnten Sünder: „Die meisten Entdeckungen gehen auf alte Kontrollen zurück.“

Am Dienstagabend wurde in Athen der kenianische Boxer David Munyasia von den Spielen ausgeschlossen. Er war nach seiner Ankunft positiv auf ein Stimulanzmittel getestet worden. Zuvor waren eine türkische Läuferin, ein Schweizer Radfahrer, ein spanischer Kanute, ein irischer Leichtathlet und zwei griechische Baseballer überführt worden. Hinzu kommt die größte Dopingdebatte in der US-Geschichte. Allein in diesem Jahr haben Amerikas Sportverbände 16 Athleten gesperrt, darunter 100-Meter-Weltmeisterin Torri Edwards. Das Internationale Olympische Komitee (IOC) ist froh über diese Entwicklung. „Die vielen positiven Tests sind gut. Das zeigt, dass wir die Sünder kriegen“, sagte Per Renström, der IOC-Medizinchef in Athen ist.

Busse sieht als Ursache nicht nur aktuelle Kontrollen. „Viele Tests liegen länger zurück. Jetzt, da einige Athleten wegen der positiven Befunde nicht nach Athen reisen, werden sie bekannt“, sagte Busse dem Tagesspiegel. Einen Sonderfall vermutet der Fahnder bei den griechischen Baseballern. Die in den USA lebenden Athleten seien kurzfristig in ihr Team eingebürgert worden. „Beide haben sich lange dem Hoheitsbereich der einheimischen Kontrolleure entzogen.“

Bei den Spielen wird die Zahl der Dopingkontrollen einen neuen Rekord erreichen. Die Anti-Doping-Agentur Wada will 3500 Tests durchführen. Vor vier Jahren in Sydney waren es 1200 weniger. Erstmals bei Olympia gibt es Tests auf den Missbrauch des Wachstumshormons HGH, zudem gilt der neue Anti-Doping-Code, der die Bestrafung vereinheitlichen soll. Der Kodex lässt jedoch Ausnahmen zu. „Beim Strafmaß sind die Formulierungen zu weich für den harten Kampf gegen Doping“, bedauert Busse.

In Sicherheit wiegen dürfen sich dopende Sportler dennoch nicht. Die neue Debatte hat nach Ansicht vieler Fahnder abschreckende Wirkung. Und alle Dopingproben von Athen werden eingefroren – für mögliche Nachuntersuchungen.

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