Betrug : Was der Sport von Siemens lernen kann

Korruption und Doping sind verwandte Probleme, die man nur durch Konsequenz besiegen kann. Da haben Unternehmen und der Sport etwas gemeinsam.

Sylvia Schenk

Korruption ist ein schleichendes Gift – es beginnt oft unmerklich, im Kleinen. Nach und nach verwickelt sich der Einzelne darin, kommt nicht mehr heraus. Meist fehlt es am Unrechtsbewusstsein – das langsame Hineingleiten gaukelt Legitimation vor, hinzu kommt die Haltung des Umfeldes und ein spezielles Gefangenendilemma: Wird nicht rundherum der Erfolg erwartet? Will wirklich jemand wissen, mit welchen Mitteln er errungen wurde? Und schließlich: Machen es nicht alle so? Geht es überhaupt ohne?

Da Schaden und Opfer nicht gleich erkennbar sind – oft dauert es Jahre, bis die Konkurrenz und die Öffentlichkeit, wenn überhaupt, von den Manipulationen erfahren – wird Korruption immer noch von vielen als Kavaliersdelikt angesehen. Es entsteht eine Scheinwelt, in der zwar die hehren Regeln hochgehalten werden und das saubere Image gepflegt wird, im Hintergrund aber der Regelbruch, Manipulation und Heuchelei zum Normalfall werden.

In der Wirtschaft überraschen derartige Vorgänge inzwischen kaum noch jemanden. Da gab es Skandale wie zum Beispiel bei der Siemens AG, deren Manager, allen voran Vorstandschef Heinrich von Pierer, sich in den 90er Jahren international zum Vorreiter im Kampf gegen Korruption aufgeschwungen hatten. 2006 kam das böse Erwachen: Siemens hatte mithilfe Schwarzer Kassen und Bestechungszahlungen weltweit Aufträge an Land gezogen, statt sich auf die eigene Kraft im Wettbewerb zu verlassen.

Vor wenigen Wochen wäre vielleicht noch gefragt worden: Und was hat das mit Sport zu tun? Nach den Vorgängen um den THW Kiel und den Bestechungsvorwürfen gegen Handballschiedsrichter ist „Sport und Korruption“ jedoch ein aktuelles Thema. Ein Thema, das ja nicht zum ersten Mal auftaucht und sich im Übrigen ohne Weiteres mit einem anderen Problem, das ebenfalls an die Grundwerte des Sports rührt, verbinden lässt: Man muss nur im ersten Absatz dieses Artikels hier das Wort „Korruption“ durch das Wort „Doping“ ersetzen – schon ist man mittendrin in den dringenden Fragen des Spitzensports.

Von Wirtschaft und ihrer Korruption lässt sich vieles leicht auf den Sport und sein Dopingproblem übertragen: Da gab es Skandale im professionellen Radsport, dessen Funktionäre, allen voran die des Team Telekom, sich nach dem Festina-Skandal Ende der Neunziger zum Vorreiter im Anti-Doping-Kampf aufgeschwungen hatten. 2006 kam das böse Erwachen: Ein Teil der Fahrer war in den Fuentes-Skandal verwickelt, andere gestanden später Doping, unterstützt zum Teil von den eigenen Teamärzten.

Die Parallelen sind verblüffend. Korruption und Doping sind verwandte Phänomene, ihre zersetzende Kraft zeigt sich nicht vorrangig in materiellen Schäden, sondern zerstört den freien Wettbewerb sowie das Vertrauen der Stakeholder (im Sport sind das die Sponsoren, die öffentliche Hand und die Fans) in die Integrität der Akteure. Wenn ein Unternehmen, ein Land, ein System, eine Sportart, ein Team von Korruption/Doping unterminiert sind, helfen keine einfachen Gegenmaßnahmen, kein Kurieren an Symptomen. Eine zerrüttete Moral verlangt umfassende Änderungen, personell und strukturell. Und eine erneuerte Kultur.

Wäre die Siemens AG nach 2006 der Korruption in den eigenen Reihen so begegnet wie der Radsport der Dopingproblematik (und aktuell der Handball den Bestechungsvorwürfen), so hätte das wie folgt ausgesehen: Die Führung der Siemens AG hätte zunächst alles für unzutreffend erklärt und sich dann entsetzt über die angeblichen Einzeltäter gezeigt. Selbstverständlich wären alle Beschäftigten, die die Staatsanwaltschaft überführt hatte, aus dem Betrieb entfernt worden. Und dann nach Absitzen der Strafe wieder eingestellt worden. Geächtet und für immer entlassen hätte man dagegen diejenigen, die vor den Ermittlern Angaben über den eigenen Fall hinaus machen und durch weitere Hinweise das gesamte Siemens-System infrage stellen. Die Vorstandsmitglieder dagegen – von Pierer, Kleinfeld – wären noch in Amt und Würden. Es kam zum Glück anders. Bei Siemens wurde die Führungsspitze komplett ausgetauscht, alle Strukturen wurden umgekrempelt. Das war Null-Toleranz-Politik von oben mit klaren Signalen.

Im Radsport (und längst nicht nur dort) sind wir noch lange nicht so weit. Strukturen und Führungspersonal sind unverändert: Floyd Landis, Ivan Basso und andere fahren wieder, als wäre nichts gewesen, Funktionäre und Betreuer sind weiter im Amt. Solange das Umfeld (Trainer, medizinisches Betreuungspersonal, die Führung der Verbände, Management, Politik, Sponsoren und Medien) mit ihrem spezifischen Beitrag zur Dopingmentalität und Manipulationskultur nicht ins Blickfeld genommen werden, kann aber der Anti-Doping-Kampf nicht gewonnen werden. Nötig sind Schulungen für die Verbandspräsidien, das Verknüpfen von Sponsoring und öffentlicher Förderung an effektive Maßnahmen gegen Doping, eine konsequente Verfolgung jedes Verdachtes sowie der Austausch von Personen, die an führender Stelle in der Vergangenheit eine Dopingmentalität zugelassen oder sich schuldig gemacht haben.

Das geht nicht von heute auf morgen, aber wenigstens die ersten Schritte könnten längst gegangen sein, zumindest in Deutschland: Aufbau eines umfangreichen Aufklärungs- und Schulungsprogramms für alle Verantwortlichen im Sport, Abwahl von Funktionären, die Anlass zu Zweifeln an ihrer Haltung geben (stattdessen wählen die Verbände Martin Engelhardt trotz seiner in den Medien wiedergegebenen Aussage, seit 2001 ein Dopinggeständnis verschwiegen zu haben, zum Vorsitzenden des Institutes für Angewandte Trainingswissenschaft – welch ein fatales Signal!). Der Bund muss seine Sportförderung an entsprechende Maßnahmen knüpfen. Es genügt nicht, die Doping-Prävention auf die Deutsche Sportjugend zu übertragen und die Nationale Anti-Doping-Agentur (Nada) zur Aufklärung in die Eliteschulen des Sports zu schicken. Das sind nur kleine Bausteine, die von anderen Notwendigkeiten ablenken und zum Teil etwas Hilfloses haben.

Vielleicht wäre die Siemens AG noch nicht so weit, wenn nicht der Druck der Öffentlichkeit und der amerikanischen Börsenaufsicht SEC mit ihrem drastischen Strafenkatalog eine beschleunigende Wirkung gehabt hätte. Die Nada und das Bundesinnenministerium als wichtigster Geldgeber des deutschen Sports sind im Vergleich zur SEC zahnlos, aber die gewachsenen Anforderungen der Öffentlichkeit an saubere Leistungen bekommt auch der Sport zu spüren. Das gilt für Doping wie für Korruption, für Radsport, Handball und viele andere Sportarten.

Ethik und Moral steigen derzeit im Kurs. Wirtschaft und Politik, die Finanziers des Sports, besinnen sich im Zuge der Finanzmarktkrise auf Transparenz und Verantwortlichkeit. Wenn diese Entwicklung so weiter geht, stellt sich in naher Zukunft nicht mehr die Frage, was der Sport von Siemens lernen kann, sondern was er lernen muss.

Sylvia Schenk ist seit 2007 die Vorsitzende der Anti-Korruptions-Organisation Transparency International Deutschland. Von 2001 bis 2004 war sie Präsidentin des Bundes Deutscher Radfahrer.

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