Sport : Betrunkene Russen

Sven Goldmann

Dreizehn Tore in Serravalle sind nicht schlecht, aber was sind sie schon gegen die 16 von Stockholm? In keinem Bericht über den deutschen Kantersieg darf der Hinweis fehlen, dass es die Nationalmannschaft schon mal besser gekonnt hat, vor 94 Jahren gegen Russland, in der Trostrunde des Olympiaturniers von 1912.

Doch die Zeiten und der Fußball waren andere. Wäre alles normal gelaufen, hätten die Deutschen gar nicht in der Trostrunde gespielt. Im Achtelfinale gegen Österreich führten sie lange 1:0, bis ihr Torwart gegen den Pfosten lief und den Rest des Tages im Krankenhaus verbrachte. Gemäß den Regeln hätten sie einen neuen Torhüter einwechseln dürfen – wenn der Gegner einverstanden gewesen wäre. War er aber nicht, also ging ein Feldspieler ins Tor und das Spiel 1:5 verloren. Die Russen hatten zuvor 0:2 verloren gegen Finnland, das damals als Ostseeprovinz zum Zarenreich gehörte (genauso gut hätte Deutschland gegen Ostfriesland verlieren können). Darauf betranken sich die frustrierten Russen beim abendlichen Bankett vor (!) dem Spiel so hemmungslos, dass sie kaum geradeaus laufen konnten. Der Karlsruher Gottfried Fuchs erzielte zehn Tore, wofür ihn der Kronprinz mit einem Pokal ehrte (was die Russen bekamen, ist nicht überliefert, aber es steht zu vermuten, dass sie weniger freundlich empfangen wurden).

Zehn Tore in einem Länderspiel sind bis heute Rekord, genauso wie das 16:0 gegen Russland. Doch die Zeiten und der Fußball sind heute anders. Die olympische Trostrunde von Stockholm war eine Jux-Veranstaltung, das Spiel von Seravalle ein sportlicher Wettkampf, das klassische Duell zwischen Favorit und Außenseiter, in dem der Favorit sein Tempo gnadenlos bis zum Schluss durchzog. Nichts gegen Gottfried Fuchs, aber die vier Tore von Lukas Podolski gegen die nüchternen Sanmarinesen wiegen schwerer als die zehn gegen die betrunkenen Russen.

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