BETTY HEIDLER und die verspätete Freude : Mit dem Maßband zur Medaille

Das lange Warten.
Das lange Warten.Foto: dapd

Betty Heidler

ist am Samstagmorgen um 4.30 Uhr ins Bett gefallen. Sie hatte gefeiert, sie war jetzt richtig müde. Seit Mitternacht wusste sie offiziell, dass sie die Bronzemedaille im Hammerwerfen gewonnen hatte. Mit 77,13 Metern. Um diese Zeit war der Protest der chinesischen Mannschaftsführung endgültig abgeschmettert worden. Wenxiu Zhang bleibt Vierte, auch das war jetzt offiziell.

Aber Betty Heidler hatte bis dahin eine emotionale Achterbahnfahrt durchlitten, und die Lehre, die sie daraus zog, lautete: „Beim nächsten Mal setze ich mich so lange in den Ring, bis meine Weite angezeigt wird.“

Am Donnerstagabend wurde die Weite von Heidlers fünftem Versuch nicht angezeigt, das führte zu einem Chaos, das weder Heidler noch viele Trainer jemals erlebt haben. Die Kampfrichter hatten zwar die Weite gemessen – 77,13 Meter, das bedeutete zu diesem Zeitpunkt Platz drei –, aber aus irgendeinem technischen Grund erschien die Zeit nicht auf der Anzeigetafel. Dafür leuchtete kurz darauf das Ergebnis der moldawischen Werferin auf, die sehr schnell nach Heidler geworfen hatte. Irgendwann sagte man Heidler, sie könne ihren Versuch wiederholen. Aber wann? „Zuerst wollten sie, dass ich ganz am Schluss werfe, nach meinem sechsten Versuch“, sagte Heidler. „Aber wie sollte das gehen? Da hätte ich ja zwei Würfe hintereinander gehabt.“

Also klinkte man sie in den laufenden fünften Durchgang ein, aber da war „natürlich die Spannung nicht so, wie man sie braucht“, sagte Heidler. Sie warf so schlecht, dass sie ihren Versuch ungültig machte. Und vor allem wusste sie ja noch immer nicht, was denn offiziell protokolliert wird. Irgendwann sagte man ihr, dass die korrekte Weite im System sei, doch für Betty Heidler war in diesem Moment gar nichts mehr sicher.

Die Kampfrichter kramten sogar noch ein Maßband hervor und marschierten damit auf den Rasen. „Aber die haben nur noch mal die 75-Meter-Marke geprüft“, sagte Heidler. Doch der Einsatz zeigte, wie groß die Aufregung und das Chaos war.

„Man hat mir die Spannung und die ganzen Emotionen genommen“, sagte die Weltrekordlerin aus Frankfurt am Main. Sie wollte sich freuen über ihren weiten Wurf, aber das konnte sie ja nicht. Und sie hatte noch einen sechsten Versuch. Aber auf den konnte sie sich nicht konzentrieren, der Hammer landete nach 72,77 Metern – eine sehr mäßige Weite. Offiziell lag sie immer noch auf dem letzten Platz.

Überhaupt war sie schlecht in diesen Wettkampf gekommen. Sie startete mit 73,90 Metern, das war viel zu schlecht für eine, die erklärt hatte, sie wolle eine Medaille. Dann kam der fünfte Versuch, und danach kamen die Erinnerungen an Lilli Schwarzkopf. Die Siebenkämpferin war beim abschließenden 800-Meter-Lauf disqualifiziert worden, weil sie angeblich auf eine Trennlinie getreten war. In Wirklichkeit war dieser Fehler einer Konkurrentin unterlaufen. Erst nach 45 Minuten, in denen Schwarzkopf völlig aufgelöst war, wurde der Fehler korrigiert und Schwarzkopf gewann Silber. „Ich hatte sofort die Bilder von Lilli im Kopf“, sagte Heidler.

Einen Unterschied gab es allerdings: „Lilli musste bis zur Korrektur des Fehlers nicht so lange warten wie ich.“ Frank Bachner

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