Sport : Beurlaubung nach dem Urlaub?

Unions Präsidium wundert sich über Wassilews Zypern-Reise

NAME

Von Karsten Doneck

Berlin. Wie reagiert ein Trainer auf eine eine 0:7-Pleite? Nun, er könnte zum Beispiel seine Mannschaft verbal zusammenstauchen und sie im Training danach noch mehr als sonst trietzen. Er könnte aber auch die sanfte Tour wählen: den Spielern in Einzelgesprächen Mut zureden, sie bei den Übungsstunden besonders fürsorglich behandeln. Georgi Wassilew, noch Trainer des Fußball-Zweitligisten 1. FC Union, hat sich nach dem Debakel seiner Mannschaft beim 1. FC Köln für den dritten Weg entschieden – und damit für die schlechteste aller denkbaren Behandlungsmethoden. Der Bulgare hat sich einfach aus dem Staub gemacht. Er ist via Budapest für drei Tage nach Zypern geflogen. Dort hat Wassilew nicht nur ein Haus, sondern auch mal als Trainer gearbeitet: bei Famagusta. Der Verdacht liegt nahe, dass sich der 56-jährige Fußballlehrer auf der Insel schon mal nach einem Job für seine Zeit nach dem 1. FC Union umschaut. „Das ist eine Privatreise. Wir wissen nicht, was er dort macht“, sagt Lars Töffling, Unions Pressesprecher, zu derlei Spekulationen.

Union hat dem Trainer den Ausflug nach Zypern genehmigt, allerdings lange vor dem Kölner Fiasko. Doch nun war im Präsidium die Verwunderung groß, dass Wassilew die Reise unter den gegebenen Umständen tatsächlich angetreten hat. Zurück ließ er schließlich eine mit 0:7 gedemütigte, durch das Resultat völlig verunsicherte, mit dem eigenen Selbstbewusstsein hadernde Mannschaft, die in solcher Situation sicher mehr denn je ihre Führungsfigur, den Trainer, braucht. Wassilew handelte also wenig verantwortungsbewusst. „Wer sich so verhält, der muss mit Konsequenzen rechnen“, sagte Union-Präsident Heiner Bertram gestern dem Tagesspiegel. Mit einer gehörigen Standpauke für den Trainer sei es in diesem Fall nicht getan, so Bertram. Also ist davon auszugehen, dass Georgi Wassilew nach seiner Rückkehr nach Berlin am Freitagabend seine Koffer gar nicht erst auszupacken braucht, sondern gleich wieder Ferien machen kann, und zwar länger als nur drei Tage: Er wird am Sonnabend vom 1. FC Union aller Wahrscheinlichkeit nach mit sofortiger Wirkung beurlaubt werden.

Wassilews Verhalten, die Zypern-Reise nach dem Debakel in Köln nicht kurzfristig abzusagen, lässt ohnehin vermuten, dass er mit seiner Arbeit beim 1. FC Union gedanklich schon abgeschlossen hat. „Ich werde meinen Vertrag bis Juni 2003 erfüllen“, hat er gesagt, aber ob er auch bereit wäre, in seiner Restarbeitszeit bei Union mehr zu tun als Dienst nach Vorschrift, das wird in der Führungsspitze des Vereins inzwischen stark angezweifelt. Bertram wird am Sonnabend Wassilew auch darauf hinweisen, dass der Trainer bei Union langsam, aber sicher seinen bisher so guten Ruf ramponiert: 0:4 in Freiburg, 2:2 gegen Fürth, 0:7 in Köln, danach die Mannschaft im Stich gelassen… Bertram wird Wassilew auch einen freiwilligen Rückzug nahelegen.

Wassilew ist noch auf Zypern, derweil sucht Bertram unaufgeregt, aber akribisch nach einem neuen Trainer, wann immer der dann auch eingestellt wird. Der Kandidatenkreis ist schon beträchtlich geschrumpft, von anfänglich 20 Trainern auf vier oder fünf. Mit in diesem engen Kreis ist noch der ehemalige Hertha-Trainer Falko Götz, mit dem die Gespräche offenbar schon sehr weit fortgeschritten sind, wenngleich aus den Gehaltsvorstellungen von Götz noch erheblicher Diskussionsbedarf resultiert. Die Idee, Horst Ehrmantraut vom 1. FC Saarbrücken zu holen, wurde schnell wieder verworfen.

Die Gedankenspiele der Union-Verantwortlichen tendieren ohnehin vorerst zur „kleinen Lösung“. Bekannt ist, dass Bertram immer wieder mal in höchsten Tönen die Fähigkeiten von Unions Assistenztrainer Ivan Tischanski gelobt hat. „An meiner Einschätzung von Tischanskis Arbeit hat sich nichts geändert“, sagte Bertram gestern, „er ist unser zweiter Mann hinter Wassilew.“ Und vielleicht bald der erste Mann für einen überschaubaren Zeitraum bis Saisonende. Derzeit vertritt Tischanski schon den im Urlaub befindlichen Wassilew. Auch über den Sonnabend hinaus?

0 Kommentare

Neuester Kommentar