Sport : Bevor der Winter kommt

Bauverzug, Rücktritte, Korruption: Gut ein Jahr vor den Olympischen Spielen in Turin laufen die Vorbereitungen alles andere als gut

Vincenzo delle Donne[Turin]

Rücktrittsdrohungen sind in Italien eigentlich nichts Besonderes. Auch nicht im Zusammenhang mit den Olympischen Winterspielen 2006 in Turin. Am vergangenen Donnerstag drohte Ski-Verbandspräsident Gaetano Coppi. „Wenn wir nicht bis zum 22. Dezember 3,5 Millionen Euro bekommen, müssen die Mannschaften zu Hause bleiben – und ich trete zurück“, sagte Coppi.

Dem italienischen Ski-Verband droht gut ein Jahr vor Beginn der Olympischen Spiele die Pleite. Zudem fühlt er sich in der Vorbereitung auf die Winterspiele vom Nationalen Olympischen Komitee Italiens und der Regierung im Stich gelassen. „Niemand interessiert sich für unsere Probleme“, klagt Coppi. Zumindest in diesem Punkt hat der Funktionär wohl nicht Recht mit seinen Befürchtungen: Inzwischen interessiert sich nicht nur die italienische Öffentlichkeit für die immer häufiger auftretenden Pannen in Turin. Das Internationale Olympische Komitee (IOC) ist alarmiert.

Erst vor knapp zwei Wochen war ein Streit zwischen dem Turiner Organisationskomitee und der Regierung nur mühsam beigelegt worden. Die Mitte-Rechts- Regierung unter Ministerpräsident Silvio Berlusconi hatte den Sportstaatssekretär Mario Pescante zu einer Art „Regierungskommissar“ für Turin 2006 ernannt. Daraufhin kündigte Valentino Castellani, der Vorsitzende des Organisationskomitees und ehemaliger linker Bürgermeister der Stadt, überraschend seinen Rücktritt an. Die Entscheidung der Regierung bedeute faktisch „eine kommissarische Verwaltung des Organisationskomitees“, sagte Castellani.

Nur einen Monat später nahm Castellani seinen Rücktritt wieder zurück. Plötzlich begrüßte er vor der IOC-Delegation, die sich in Turin über den schleppenden Bau der Sportstätten informierte, Pescantes Ernennung. Zuvor hatten sich die Kontrahenten auf eine Absichtserklärung geeinigt. Darin wurde genau festgelegt, wie beim Bau und der Finanzierung der Bauvorhaben vorzugehen sei. Castellani wurde auf Drängen der Regierung jedoch nicht nur Pescante zur Seite gestellt. Jede Entscheidung des Organisationskomitees wird fortan von einem politischen Gremium getroffen, dem Berlusconis Staatssekretär Gianni Letta vorsitzt.

Die Regierung schaltet sich ein, weil sie mit der Vorbereitung der Spiele unzufrieden ist. Die Arbeiten an den Sportanlagen und der Infrastruktur sind im Verzug. Die Staatsanwaltschaft hat zudem bei der „Agenzia Torino 2006“, die für die Vergabe von Aufträgen zuständig ist, Razzien vorgenommen. Sie steht unter Verdacht, bei der Auftragsvergabe für etliche Bauprojekte manipuliert zu haben. Hinzu kommen Finanzprobleme. Im Budget des Organisationskomitees fehlen 223 Millionen Euro.

Um einen Ausweg aus der Finanzmisere zu finden, plant die Regierung nun neben anderen Projekten eine Olympia-Lotterie. Sie soll 30 Millionen Euro einbringen. Daneben sollen Staatsunternehmen wie die italienische Post und das Energieunternehmen ENI als Sponsoren gewonnen werden. Immerhin: Die IOC-Kommission unter Führung von Jean-Claude Killy fand bei ihrem letzten Besuch vor wenigen Tagen aufmunternde Worte. „Es gab Verbesserungen in allen Bereichen“, sagte Killy. „Die Baustellen in der Stadt sind zu wahren Olympia-Stätten geworden, wobei Turins urbanes Wesen und sein architektonisches Erbe respektiert wurden.“ Noch bei seinem letzten Besuch im Juni hatte Killy seine große Sorge über den Bau der Sportstätten zum Ausdruck gebracht.

Worte des Lobes hatte Killy nun auch für seinen alten Freund Pescante. „Seine Ernennung wird die Führungsmannschaft des Organisationskomitees verstärken.“ Auch IOC-Präsident Jacques Rogge sagte, die in Rom gezeigte Geschlossenheit sei eine Garantie für den Erfolg der Spiele. Offenbar soll dieser neue Optimismus ein positives Klima schaffen, mit dem dringend benötigte Sponsoren angezogen werden könnten.

Der verstorbene Fiat-Präsident Gianni Agnelli hatte 1999 seine Macht genutzt, um die Spiele nach Turin zu holen. Sie sollten das Signal zum Aufbruch in einer strukturschwachen Region sein. Daraus könnte nun eine große Blamage werden, sollte die italienische Improvisationskunst versagen. Dann könnte es tatsächlich bald Rücktritte geben.

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