Sport : Bewegte Männer

Karim Benyamina wird den 1. FC Union bald verlassen müssen. Auch Dede hört in Dortmund auf. Sie sind seltene Profis, denen ihr Abschied ungewöhnlich nahe geht

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Berlin - Für einen Moment schien die kleine Welt rund um die Alte Försterei still zu stehen. Karim Benyamina holte tief Luft, er wollte etwas sagen. Der Stürmer des 1. FC Union hatte in den vergangenen Wochen so lange geschwiegen, dass ein gesprochenes Wort aus seinem Mund für die umherstehenden Journalisten einer Sensation ähnelte. Doch Benyamina kam nicht weit. Seine Stimme wurde brüchig, die wenigen Worte trug er zittrig vor. Karim Benyamina hatte nicht etwa das Sprechen verlernt, er war traurig.

Es war leicht zu erkennen, dass Benyamina der nahende Abschied von Union schwer zu schaffen macht. Wie er da stand und mit den Tränen kämpfte, entsprach Karim Benyamina rein gar nicht dem Bild vom gefühlskalten, berechnenden Profifußballer. Er verzichtete auf die im Milieu gängigen, nicht selten von Beratern vorgefertigten Worthülsen. Stattdessen sagte Benyamina: „Es tut weh, dass ich den Verein verlassen muss.“ Am Vortag hatte der 1. FC Union erklärt, dass man den zum Saisonende auslaufen Vertrag mit dem Stürmer nicht verlängern werde.

Die gleiche Nachricht ereilte vor wenigen Wochen den Dortmunder Dede. Nach 13 gemeinsamen Jahren wird man sich im Sommer trennen. Ausgebremst vom Jugendwahn des Trainers Jürgen Klopp und vom eigenen Körper ist für den 32-jährigen Dede kein Platz mehr im Dortmunder Team. Manager Michael Zorc hatte dem Brasilianer die Nachricht überbracht. Dede war geschockt. Er fuhr ins Stadion und weinte hemmungslos. Über eine Stunde verbrachte er so auf dem Dortmunder Rasen.

Dede war nie jemand, der sich wie wild aufs Vereinswappen klopfte, um seine Treue zum Klub zu symbolisieren. Er hatte das nicht nötig. Lieber lehnte Dede die Angebote internationaler Topklubs ab. Mehr Bekenntnis zum eigenen Verein geht nicht. Innerhalb der Mannschaft genießt der ehemalige Kapitän noch immm hohes Ansehen. Nach seinem Tor gegen Hannover zog Mario Götze sein Trikot nach oben. Zum Vorschein kam ein gelbes T-Shirt, darauf stand in großen Lettern: Dede. Götze ist vierzehn Jahre jünger als Dede, er beginnt seine Profikarriere in einer Zeit, in der vereinstreue Spieler wie Dede oder Benyamina längst zur Seltenheit geworden sind. Frankfurts Oka Nikolov oder Herthas Pal Dardai gehören noch in diese Kategorie. Aber auch ihr Karriereende naht. Dardai wird nach vierzehn Jahren bei Hertha BSC im Mai verabschiedet werden, Nikolov spielt wohl noch eine Saison.

An das vorzeitige Karriereende denkt Karim Benyamina noch nicht. Er ist jetzt 29 Jahre alt und viel zu jung für die Fußballerrente. 85 Tore hat er in den vergangenen Jahren für Union erzielt, nie traf ein Spieler häufiger für die Köpenicker. Einige Tore holte sich Benyamina zuletzt wieder ins Gedächtnis. „Ich habe in den vergangenen Tagen viel nachgedacht“, sagt er. Für Karim Benyamina war Union immer der ideale Verein. Als Berliner konnte er seinen Traum vom Profifußball in der eigenen Stadt verwirklichen.

In wenigen Wochen wird er seine Heimat zum ersten Mal in seinem Leben verlassen müssen, denn „ich habe nicht zwei Jahre in der Zweiten Liga gespielt, um jetzt tiefer zu gehen“, sagt Benyamina. Wirklich entschlossen wirkt er dabei noch nicht, die Zweifel sind in seinen Augen zu erkennen. Vielleicht denkt Benyamina auch an die Geschichten seines Mitspielers Chinedu Ede. Der hatte einst Hertha BSC Richtung Duisburg verlassen und war dort wegen seiner Kleidung und seiner Art zu reden verlacht worden. Von Heimweh geplagt kehrte Ede vom vergangenen Winter nach Berlin zurück.

Im Gegensatz zu Ede ist für Karim Benyamina im Team des 1. FC Union kein Platz mehr. Beim heutigen Spiel in der Alten Försterei gegen den FSV Frankfurt (13.30 Uhr, live bei Sky) wird Benyamina voraussichtlich nur auf der Bank Platz nehmen. Trainer Uwe Neuhaus hat bereits angekündigt, Karim Benyamina vorerst keine Abschiedsgeschenke zu machen. Die Welt An der Alten Försterei dreht sich weiter. Auch ohne Karim Benyamina.

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