Bewegungsmangel an Berliner Schulen : Warum Kinder nach der Kita dick werden

Damit sich Kinder ausreichend bewegen, sind Kitas und Schulen gefragt. Doch vor allem Letztere tun sich schwer damit, den Alltag richtig zu gestalten.

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Toben, rennen, springen. Für Kinder ist vor allem die unangeleitete Bewegung wichtig, sagen Experten. Viele Eltern sind aber zu vorsichtig. Foto: imago/Westend61
Toben, rennen, springen. Für Kinder ist vor allem die unangeleitete Bewegung wichtig, sagen Experten. Viele Eltern sind aber zu...Foto: imago/Westend61

Vorsichtig setzt Diana einen Fuß vor den anderen. Sie balanciert auf einem Seil ein paar Zentimeter über dem Grasboden, blickt konzentriert nach vorn. Ihre kleinen Hände klammern sich an zwei Strippen über ihr fest. Die Umgebung, den weiten Garten, die anderen rennenden, spielenden, rufenden Kinder, hat sie in dem Moment völlig ausgeblendet. Vielleicht fühlt sich die Vierjährige in ihrem pinkfarbenen Kleid in diesem Moment ein wenig wie eine Ballerina. Aber gleich, wenn das Mittagessen beginnt, ist sie wieder Kita-Kind. Eines von 150 in der Bewegungskindertagesstätte Lichtenberg.

Die Kita, in der Diana jeden Tag klettern, balancieren, eislaufen und schwimmen kann, gehört zu den 21, die der Landessportbund Berlin (LSB) mit seiner Trägergesellschaft übernommen hat. „Der Bereich Bewegung muss in der Kindererziehung einen großen Stellenwert haben“, sagt Heiner Brandi, der LSB-Direktor. Auch andere Kitas in Berlin haben es sich mittlerweile zur Aufgabe gemacht, Bewegung besser in den Alltag von Kindern zu integrieren.

Soziale Lage oft ausschlaggebend für Übergewicht

Denn viele Kinder in Deutschland sind einfach zu dick. In Berlin ist zwar eine langsame Verbesserung zu erkennen. Der Anteil übergewichtiger und adipöser Kinder im Einschulungsalter liegt berlinweit seit 2011 unter zehn Prozent, wie die Senatsverwaltung für Gesundheit und Soziales mitteilt. Auch die Körperkoordination hat sich verbessert. Doch das liegt vor allem an zugezogenen Familien der Mittel- und Oberschicht. Kinder aus sozial benachteiligten Familien, also solchen mit geringerer Bildung und geringerem Einkommen, sind viermal so häufig übergewichtig wie ihre sozial besser gestellten Altersgenossen. Ein Kitabesuch von mehreren Jahren zeige zwar deutlich positive Effekte, wie die Senatsverwaltung feststellte. Komplett könne er nachteilige familiäre Rahmenbedingungen aber nicht kompensieren.

Das Robert-Koch-Institut hat in seiner Langzeitstudie KiGGS festgestellt, dass Kinder mit Migrationshintergrund und Kinder aus Familien mit niedrigem Sozialstatus seltener am Vereinssport teilnehmen. Auch gibt es laut der Studie die Tendenz, dass mit zunehmendem Alter das sportliche Bewegungsverhalten stetig abnimmt, insbesondere bei den Mädchen.

„Die soziale Lage ist ein großer Indikator für die Beweglichkeit von Kindern“, sagt auch Andrea Möllmann-Bardak, stellvertretende Geschäftsführerin vom Verein Gesundheit Berlin-Brandenburg. „Finanziell schlechter gestellte Familien leben häufig in prekären Sozialräumen, in denen es oft weniger Möglichkeiten gibt, sich frei zu bewegen.“ Diese Quartiere seien viel zu dicht bebaut. Außerdem mangele es an Spielplätzen. Hier müsse etwas getan werden, findet Möllmann-Bardak.

„Bewegung bedeutet nicht nur Übergewicht verhindern"

In der Sportkita Lichtenberg gibt es eine Bewegungsbaustelle, die mit Kisten, Autoreifen und Rohren ausgestattet ist. Hier können sich die Kinder selbst Autos bauen. In dem 5000 Quadratmeter großen Garten dürfen sich die Kleinen damit austoben, wenn sie nicht gerade hopsen, klettern oder schaukeln.

„Bewegung bedeutet nicht nur Übergewicht verhindern, sondern auch eine Förderung der Feinmotorik, eine bessere Körperkoordination, ein größeres Selbstbewusstsein und eine bessere Gefahreneinschätzung“, betont Susanna Wiegand, Kinder- und Jugendmedizinerin an der Charité. Dabei sei aber vor allem die unangeleitete Bewegung ausschlaggebend. Die Eltern ließen ihre Kinder häufig nicht mehr auf Bäume klettern oder im Dreck spielen. Viele Kinder könnten nicht einmal richtig fallen. Sie verletzen sich bei den ungefährlichsten Stürzen.

Bewegung muss in den Alltag integriert werden

Wirkungsvoll sei es, die Verhältnisse zu verändern, um mehr Bewegung in den Alltag der Kinder zu bringen – Wiegand nennt es Verhältnisprävention. So könnten Schulwege attraktiv und sicher gemacht, die Bürgersteige ausreichend breit gestaltet oder „Hopsekästchen“ auf die Wege gemalt werden. Es brauche genügend Spielplätze und Freiflächen sowie eine Anpassung der Verkehrswegeplanung. In Berlin gehe das nicht in allen Stadtteilen gleich gut voran. Nötig ist es besonders in den sozialen Brennpunkten.

Damit sich Kinder ausreichend bewegen, seien aber vor allem die Einrichtungen gefragt, in denen die Kinder sind, sagt Gesundheitsexpertin Möllmann-Bardak. Sie müssten Bewegung besser in den Alltag integrieren. Vielen Kitas gelänge das schon recht gut.

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