Bewegungsmangel und Übergewicht : Kinderturnen: "Die Ergebnisse sind alarmierend"

Kinder können nicht rückwärts gehen und sind übergewichtig. So das Vorurteil. Doch es ist auch etwas dran, wie die Expertin Heidrun Thaiss erzählt.

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Viele Kinder- und Jugendliche in Deutschland haben verheerende motorische Probleme.
Viele Kinder- und Jugendliche in Deutschland haben verheerende motorische Probleme.Foto: picture alliance / dpa

Frau Thaiss, Kinder können nicht mehr rückwärts gehen, bewegen sich zu wenig und sind motorisch generell mangelhaft. Was ist dran und was ist Übertreibung?

Leider ist an der überspitzten Aussage schon etwas dran. In Deutschland gibt es erhebliche Defizite im grob- und feinmotorischen Bereich bei Kindern, in der Koordination und es gibt auch viele übergewichtige Kinder hierzulande.

Können Sie die Probleme genauer skizzieren?

Es gibt viele Studien, nicht zuletzt die Daten der Schuleingangsuntersuchungen, in denen die motorisch-kognitiven Auffälligkeiten im Kindes- und Jugendalter aufgezeigt werden. Es geht darin um grobmotorische Fähigkeiten wie zum Beispiel auf einem Bein stehen, seitwärts hüpfen, rückwärts gehen oder auf einem schmalen Gegenstand balancieren. Aber auch um feinmotorische Bewegungen wie zum Beispiel verschiedene Bausteine in bestimmte Formen einzufügen.

Was kam zuletzt dabei raus?

Nimmt man etwa die Schuleingangsuntersuchung von Schleswig-Holstein aus dem Jahr 2014/15, dann sind die Resultate alarmierend. Jedes fünfte Kind hatte darin motorische Auffälligkeiten. Die Ergebnisse deckten sich im Wesentlichen mit denen der bundesweiten Studie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland (KiGGS) des Robert-Koch-Institutes aus dem Jahr 2007. Danach konnten 86 Prozent der Kinder- und Jugendlichen nicht eine Minute auf einem Bein stehen, über 40 Prozent kamen mit den Händen nach einer Rumpfbeuge nicht auf den Boden. Das sind Resultate, die uns aufhorchen lassen.

Hängt das mit dem Übergewicht zusammen?

Das korrespondiert natürlich mit den Problemen. Übergewicht und Adipositas im Kindesalter weisen auf einen alarmierenden Trend in Deutschland. Übergewicht ist ein Vorläufer von Diabetes Mellitus Typ 2, dem sogenannten Alterszucker. Wir haben 10-15 Prozent übergewichtige und adipöse Kinder in Deutschland, und wenige, die an Diabetes Mellitus 2 leiden.

Woran liegt das?

Dafür gibt es viele Gründe. Bewegungsmangel ist einer davon. Wir sprechen immer von der Trias Bewegung, Ernährung, Stressbewältigung, die entscheidend ist.

Welche Verantwortung tragen die Eltern?

Natürlich eine große. Sie sind die Vorbilder, sie schaffen ganz wesentlich das Umfeld der Kinder. Aber sorgenvoll betrachten wir den Umstand, dass der Trend dahingeht, dass viele Kinder nicht vor der Einschulung, sondern danach, also ab dem Schulalter Übergewicht entwickeln.

War es früher besser mit dem Übergewicht und der Beweglichkeit der Kinder in Deutschland?

Ja, das war es. Im Vergleich zu den Jahren 1975 bis 2006 fand bei Kindern und Jugendlichen in Deutschland ein Rückgang der motorischen Kompetenzen um zehn Prozent statt. Das ist enorm. Seit etwa zehn Jahren befinden wir uns auf einem gleichbleibenden Niveau. Das ist, so gesehen, schon einmal positiv.

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