Sport : Bewundertes Risiko

England bejubelt Wayne Rooney – und sorgt sich angesichts seiner Aggressivität

Raphael Honigstein

Coimbra – Als Wayne Rooney den Mund aufmachte, verstand ihn kaum einer. Der englische Stürmer sprach mit säuselndem Liverpooler Akzent und kaute Kaugummi, seine Worte warfen bei vielen Zuhörern nur Rätsel auf. Erst als Dolmetscher zur Decodierung beitrugen, war klar, dass Rooney wenig Überraschendes erzählt hatte: „Zu den Toren gibt es nicht viel zu sagen. Beim ersten hat Michael Owen mir den Ball auf den Kopf gelegt, ich konnte das Tor nicht verfehlen. Beim zweiten habe ich einfach draufgehauen, und zum Glück ist er reingegangen.“

Nüchterne Worte eines Fußballspielers, der bei Englands 3:0 über die Schweiz als jüngster Torschütze bei einem EM-Turnier in die Geschichtsbücher eingegangen ist. Kurios war vor allem der zweite Treffer des 18-Jährigen: Nach seinem Pfostenschuss war der Ball vom Kopf des Schweizer Torhüters Jörg Stiel ins Tor gelenkt worden. Doch trotz des unbestreitbaren Glücks ist Rooney die Bewunderung seines Landes längst sicher.

Viele Torjäger sagen, ihr Berufsgeheimnis läge darin, vor dem Tor einfach nicht nachzudenken. Niemand bekommt das besser hin als der BMX-Fahrer aus Croxteth, einem trostlosen Liverpooler Viertel mit hoher Kriminalitätsrate. Nichts scheint ihn auf dem Platz zu belasten, in entscheidenden Momenten verwandelt er sich in geballte Energie, die sich den direkten Weg ins gegnerische Tor bahnt.

„Der Junge kennt einfach keine Angst“, sagte Frank Lampard, „er hat nicht nur das Talent, sondern auch den Charakter, einfach rauszugehen und sich vor nichts und niemanden zu fürchten. Das ist für einen 18-Jährigen etwas Besonderes.“ Manchmal aber lässt sich der vor dem Torschuss ausgeschaltete Kopf nicht rechtzeitig mehr anschalten, und dann wird Rooney mit seiner ungefilterten Aggressivität zu dem, was man in England „a loose cannon“ nennt: eine Bombe, die jederzeit hochgehen kann. Nur um ein Haar war sein gestrecktes Bein in der 18. Minute am Kopf von Jörg Stiel vorbeigerauscht. Rooney sah Gelb und stand nach einem weiteren Foul an Alexander Frei kurz vor dem Platzverweis. Kapitän Beckham musste beruhigende Worte sprechen, dann traf der Mann vom FC Everton zum 1:0.

In den Pubs wird nicht diskutiert, wie weit er es mit seinem enormen Talent bringen kann, sondern ob ihm vielleicht ein ähnliches Schicksal wie Paul Gascoigne droht. Der Held der WM 1990, ein Mann aus vergleichbarem Milieu, hat seine Karriere vorzeitig an Drogen, Alkohol und Fresssucht verloren. Rooney ist auch schon negativ aufgefallen. Vor ein paar Monaten gab es eine Auseinandersetzung in einer Disko – ein Mädchen hatte ihn „Shrek“ genannt, so heißt das Monster aus dem Kino.

„Ohne seine Aggressivität ist er nur der halbe Spieler“, sagt Lampard, „er muss sie nur kanalisieren.“ Rooney alias „Roonaldo“ könnte man sich auch als einen dieser Rabauken vorstellen, die sich jede Nacht in Albufeira halb bewusstlos trinken. So lange das Kind mit dem Körper eines Boxers mit seinen Treffern die vielen Schwächen im Spielaufbau und Konzentrationsfehler der Engländer vergessen macht, wird er als Risikofaktor weiter billigend in Kauf genommen. So richtig verstehen kann ihn jedoch niemand. Mit oder ohne Dolmetscher.

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