Sport : Bewunderung oder Liebe

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Ja, vor einem Jahr hätten die Bayern den Champions-League-Sieg verdient gehabt. Wie schon 1999 gegen  Manchester United, beim Tod in der Nachspielzeit. Gegen Chelsea vor einem Jahr zerschellte Bayerns Traum im Elfmeterschießen am Pfosten. Bayern war wie gelähmt, Deutschland stöhnte.

Wenn heute im Wembley-Stadion ein deutsches Champions-League-Finale angepfiffen wird, ist die Sache mit den Sympathien nicht ganz so eindeutig. Nicht, dass der FC Bayern es nicht verdient hätte, die wichtigste Trophäe des Vereinsfußballs zu gewinnen. Nach dieser Saison, den grandiosen Spielen und dem ergreifenden Abschied von Jupp Heynckes. Die Bayern haben in dieser Spielzeit so viel mehr richtig gemacht als je zuvor. Als sie dann auch noch in Pep Guardiola den begehrtesten Trainer des Planeten an Land zogen, waren sie kurz davor, bewundert, vielleicht sogar gemocht zu werden. Ihre neue Art machte sie plötzlich zugänglicher auch für jene, die bisher zwar keine Bayernfans waren, aber doch den Fußball liebten.

Doch dann ist den Bayern alles wieder auf die Füße gefallen. Erst die Steuersünde ihrer Galionsfigur Uli Hoeneß und dann der Wegkauf des Dortmunder Zukunftspielers Mario Götze. Plötzlich war es wieder da, das alte Gesicht des FC Bayern, das Sieger-Gen der Bayern zeigte seine Festgeld-Fratze.

Die Bayern werden damit leben können, weil sie es gar nicht anders kennen. Doch neue Freunde haben sie nicht gewonnen. Und jetzt stellt sich ihnen auch noch Borussia Dortmund in den Weg. Das aufregendste Ding auf 22 Beinen, für das sich auch Leute umdrehen, die Fußball sonst nur bei der EM oder WM gucken.

Dabei ist die Borussia längst kein Gegenentwurf zum FC Bayern, aber immer noch anders genug, um sympathischer zu wirken. Und so werden bis auf die ewigen Bayernfans alle zur Borussia halten. Sie wird es sowieso schwer genug haben.

Denn die Bayern sind saustark. Sie stehen für Sturm. Beinahe 100 Tore in der Liga, und erst diese Raumaufteilung! Alles scheint seine Balance gefunden zu haben, nahe der Perfektion. Wie sie Barcelona zerlegten: 7:0 in zwei Spielen! Die Bayern spielten wie geölt und ließen diese Jahrhundertelf langweilig und überholt aussehen. Die Bayern verdienen Respekt und Anerkennung. Aber auch Liebe?

Dortmund dagegen bietet Herzinfarktfußball mit einem Schuss Extravaganz. Wie sie erst Real Madrid überfielen, und dann beinahe noch gescheitert wären. Borussia steht für Lust, für Rollkommando-Fußball. Sie spielten aufregend, aufbrausend, verschwenderisch. Und das alles mit Wucht und Wacklern – nur so gibt es die Borussia. Der Erfolg der Bayern über Barcelona hat den Deutschen Stolz geschenkt, Dortmunds wilder Finaleinzug hat die Deutschen berührt, mitgerissen und fertiggemacht.

Wer wird sich also heute auf dem Rasen von Wembley durchsetzen? Der FC Bayern, in seinem Spiel rational, höchst funktional und fast fehlerlos? Oder doch die Borussia, verwegen, bisweilen flatterhaft, aber oft betörend und emotional?

Sind wir doch ehrlich: Ein bisschen ist es wie der Kampf zwischen Mann und Frau. Was für ein Duell!

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