BFC Dynamo im Theater : Nazikinder! Hooligans! Stasi-Schweine!

Ein Theaterstück traut sich an den umstrittenen BFC Dynamo

André Görke

Mit aller Kraft hält sich der Mann am Stadionzaun fest, er ballt die Faust, reißt sie in die Luft und brüllt: „Gebt mir ein Uuuu!“ Auf der Tribüne des Sportforums Hohenschönhausen, wo der BFC Dynamo spielt, antworten die Fans lautstark: „Uuuu!“. Das Spielchen geht weiter, der Mann ruft, die 30 Fans grölen zurück: „Ein F!“ – „ein T!“ - „ein A!“ Dann springen alle auf, hüpfen wild herum und singen gemeinsam: „Uffta, uffta, uffta – Tätärä!“ Und kein Sicherheitsordner bremst den Mob.

Beim BFC Dynamo machen sie also mal wieder Theater – allerdings echtes. Der Klub, der von so vielen wegen seines Ossi-Stasi-Nazi-Hooligan-Images verachtet und dessen Umtriebe streng verfolgt werden von der Polizei, spielt die Hauptrolle im Theaterstück „Dynamoland“, das am kommenden Montag Uraufführung hat. Jene Szene, die sich da im Sportforum abspielte, war Teil einer Videosequenz für die Theaterbühne: Die 30 Fans waren Kinder aus der Nachwuchsabteilung. Und der Vorsänger hieß Andreas Gläser, 42, ist Schriftsteller („Der BFC war schuld am Mauerbau“) und Fan des DDR-Rekordmeisters.

„Wir zeigen ein hochpolitisches Stück“, sagt die Regisseurin Gudrun Herrbold. Im Mittelpunkt stehen junge Nachwuchsfußballer – Julius, Philipp und Nick, alle 1990 oder 1991 geboren – , die als BFC-Spieler das ausbaden dürfen, was sie nicht verbrochen haben: Egal, wo sie antreten, werden sie als „Nazikinder“ beschimpft oder einfach nur als „Hochhausprolls“; sie sind „Stasi-Schweine“, obwohl sie erst nach der Wende auf die Welt kamen. Es ist ein schmaler Grat, weil der BFC keineswegs unschuldig ist an diesem miesen Image und viele Fans mit ihrer unbeliebten Außenseiterrolle gern kokettieren und auch provozieren. Im Stadion, nahe den johlenden Kinder, hängt eine Werbebande von „Hoolywood“.

Der Szeneladen gehört Sven Friedrich. Er spielt neben Schriftsteller Andreas Gläser die zweite Rolle des erwachsenen Fans, der den Jugendlichen erklärt, wie das Image des Vereins zustande kam. Friedrich ist 43, er trägt einen weinroten Wickelrock, ein Hawaiihemd und auf dem Kopf den Ansatz eines Irokesenhaarschnitts. Auch er hat sich früher, sagen wir, energisch für seinen BFC eingesetzt und ständig gestänkert, schon gegen die Vopos und die Stasi („Der Name des Ladens ist auch nur pure Provokation – auf den braven H&M-Style hatte ich keine Lust“). Mit Nazis will er nichts zu tun haben, sagt er. „Der kommt eher, so wie ich, aus dem alternativen Spektrum“, sagt Schriftsteller Gläser, der seinen Klub gern mit einer „Indierockband“ vergleicht. Auch das ist der BFC.

Ums Verherrlichen des Klubs gehe es ihr nicht, sagt die Regisseurin Herrbold, vielmehr um neue Perspektiven, über die man streiten darf. „Theater sollte nie langweilig sein, sondern aufregend, theatralisch – und Fußball ist genauso.“ Herrbold hat Politologie studiert, war in New York, hat zuvor mit inhaftierten Frauen, mit Boxerinnen und alten Artistinnen Theaterstücke inszeniert. Man kann sagen: Sie hat ein Faible für Randgruppen.

Allein ist sie damit nicht. An den Fußball und seine Protestkultur traut sich das Feuilleton immer öfter heran. Schon bevor der Weltverband Fifa zur WM 2006 ein spektakuläres Kulturprogramm organisierte, kam das kleine Theater mit Subkultur von unten. Längst gibt es Theaterstücke über den Hamburger SV, über Schalke, auch über den 1. FC Union, dem Erzrivalen des BFC Dynamo.

In „Dynamoland“ spielt übrigens auch die Polizei mit: Der ranghöchste Hooliganfahnder der Stadt hat vorab die Rolle der Polizei erklärt – auf der Bühne wird er von einem Schauspieler gespielt. So viel Vertrauen war selten zwischen Dynamo auf der einen Seite und den Hooliganfahndern auf der anderen. André Görke

Dynamoland läuft bis zum 29. November im „Theater an der Parkaue“ in Lichtenberg. Der Premierenabend ist ausverkauft. Weitere Infos: www.parkaue.de

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