Biathlet Michael Rösch : Endlich nicht mehr Fischabfall

Er war Biathlon-Olympiasieger mit Deutschland, jetzt startet er für Belgien. Die Zeit dazwischen war hart für Michael Rösch. Jetzt will er wieder angreifen.

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Wieder im Weltcup. Michael Rösch ist seit dieser Saison für Belgien unterwegs. Foto: dpa
Wieder im Weltcup. Michael Rösch ist seit dieser Saison für Belgien unterwegs.Foto: dpa

Sofort gerät Michael Rösch ins Schwärmen. Wie sein Wohnzimmer komme ihm dieser Ort vor, sagt er. Dass er sich dort unglaublich wohlfühle. Er kann es also kaum erwarten, dort endlich wieder zu starten. Und am Samstag ist es nun so weit. Beim Biathlon-Sprint (14.30 Uhr/ARD) tritt er nach sechs Jahren wieder dort an, wo ihm 2006 sein erster Weltcup-Sieg gelungen war: in Ruhpolding. Damals, vor neun Jahren, schien in dem oberbayerischen Städtchen endgültig eine verheißungsvolle Karriere zu beginnen. Und es ging ja zunächst auch grandios weiter. Rösch wurde mit der Staffel in Turin Olympiasieger, holte WM-Medaillen und gewann weitere Weltcup-Rennen. Doch nun, 2015, ist Ruhpolding der Ort, an dem der mittlerweile 31-Jährige versucht, seiner Karriere neuen Schwung zu verleihen.

Michael Rösch ist jetzt Belgier. Und er ist wieder zurück im Weltcup. Seit Anfang dieser Saison startet er als Ein-Mann-Team. Aber Rösch findet, es hat sich gelohnt, das durchzuziehen. Vor drei Jahren stand der gebürtige Sachse sportlich vor dem Aus. Die Verantwortlichen des Deutschen Ski-Verbands (DSV) hatten ihn ausgemustert. Weil er nicht mehr gut genug war. Von der Entscheidung erfuhr er jedoch über das Internet. „Das hat mich gekränkt“, sagt Rösch. „Ich war lange eine Stütze im DSV.“ Es folgten fortwährende Streitigkeiten mit dem Verband. „Das war alles suboptimal“, beschreibt er. „Es lag auch an mir, beide haben eine Mitschuld. Denn keiner hat den ersten Schritt getan.“

Rösch wurde daraufhin abgestempelt als jemand, der sein Talent vergeudet habe und ein schwieriger Charakter sei. Das traf ihn erneut. „Natürlich gibt es einfachere Athleten als mich. Ich bin so, wie ich bin“, sagt er. „Und ich habe meine Erfolge nicht durch meine große Klappe erreicht, sondern mit harter Arbeit.“ Rösch wollte es allen noch einmal beweisen. Doch nach den Unstimmigkeiten mit dem DSV strebte er einen Nationenwechsel an. Belgien zeigte sich interessiert, und Rösch entschloss sich im Juli 2012, sich einbürgern zu lassen. Aber das Prozedere zog sich hin.

„Die Ungewissheit, wann endlich der Pass kommt, war zermürbend“, schildert Rösch. „Zumal ich viel aufs Spiel gesetzt hatte.“ Für den Wechsel nach Belgien hatte er auf seinen Posten bei der Bundespolizei verzichtet. Und als die Einbürgerungsprozedur weiter andauerte, sprangen Sponsoren ab. Um sich fit zu halten, schloss er sich mit zwei ebenfalls ausgemusterten Norwegern zu einer Trainingsgruppe zusammen. „Fischabfall“, nannten sie sich.

Im Januar 2014 erhielt er schließlich den belgischen Pass. Für eine Teilnahme bei Olympia in Sotschi war es da längst zu spät. Doch trotz zweijähriger Pause wollte er unbedingt wieder im Weltcup antreten. Während des vergangenen Sommers gelangen ihm erste Erfolgserlebnisse. Auf Rollen gewann er die WM im Sommerbiathlon. Im Winter wartet er noch auf das erste Topresultat. Sein bisher bestes Ergebnis ist der 32. Platz im Sprint von Oberhof. „Es ist extrem schwer, wieder zurückzukommen“, sagt Rösch.

Probleme am Schienbein behinderten ihn lange, außerdem ist er in seiner Mini-Mannschaft nun für die gesamte Organisation allein zuständig. „Früher beim DSV wurde einem alles von A bis Z abgenommen“, erzählt er. Aber die anderen Verbände helfen ihm auch. Die Deutschen haben sein Gepäck mitgenommen, der norwegische Physiotherapeut behandelte ihn. Nun begleitet Rösch oft sein Vater, der ehemalige Biathlon-Weltmeister Eberhard Rösch. Außerdem tauscht er sich regelmäßig mit dem Trainer Klaus Siebert aus, der zuletzt die weißrussischen Frauen betreute. „Michael ist extrem ehrgeizig“, sagt Siebert.„Ab und zu muss man bei ihm die Pferde einfangen.“ Doch der 59-Jährige ist überzeugt, dass Rösch wieder „seine innere Ruhe finden wird“. Er brauche einfach Zeit. Rösch selbst sagt: „Vielleicht ist bald viel mehr drin als Platz 32.“

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