Biathleten : Medaillen als Sättigungsbeilage

Mit dem Sieg in Oberhof lenken die deutschen Biathleten davon ab, dass sie Erfolgshunger verloren haben.

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Ab in die Spur. Arnd Peiffer schickt Schlussläufer Michael Greis in Oberhof ins Rennen. Foto: dpa
Ab in die Spur. Arnd Peiffer schickt Schlussläufer Michael Greis in Oberhof ins Rennen. Foto: dpaFoto: dpa

Andrea Henkel musste sich wie in einem falschen Film vorkommen. Als sie am Donnerstagabend in den Zielbereich fuhr, herrschte dort jede Menge Betrieb. Die einen jubelten noch, die anderen packten schon ihre Sachen zusammen. Es war ein ungewohntes Bild, das sich der Schlussläuferin der deutschen Biathlonstaffel bot, schließlich ist sie sonst meist eine der ersten im Ziel – so wie zuletzt in Hochfilzen, als sie ihre Staffel zum Weltcupsieg führte. Diesmal jedoch musste das Quartett vor heimischem Publikum in Oberhof ganzen fünf Teams den Vortritt lassen; Platz sechs wies die Anzeigetafel am Ende für Kathrin Hitzer, Magdalena Neuner, Tina Bachmann und eben Andrea Henkel aus. Das hatte es seit mehr als fünf Jahren nicht mehr gegeben. Jedenfalls nicht bei den Frauen.

Bei den Männern schon eher. In der jüngeren Vergangenheit waren sie es, die immer wieder durch weniger gute Platzierungen – auch in Staffeln – auffielen. Ziemlich „rumgegurkt“ sind sie, um es mit Christoph Stephan zu sagen. Rumgurken ist eine vage Beschreibung für die Tatsache, dass die deutschen Biathleten ihren eigenen Erfolgen und Ansprüchen seit fast fünf Jahren hinterherspurten. Von „unbefriedigenden Ergebnissen“ spricht Männer-Trainer Mark Kirchner, von „Leistungen, die nicht unseren Vorstellungen entsprechen“ Chefcoach Uwe Müssiggang. Während die Frauen reihenweise vorne landen, laufen die männlichen Kollegen oft nur noch mit; manchmal drohen sie sogar im großen Feld der Biathleten unterzugehen. Aus Vancouver von den Olympischen Spielen des Jahres 2010 fuhren sie anders als die Frauen gar ohne eine einzige Medaille nach Hause.

Warum das so ist? Dafür gibt es unterschiedliche Erklärungsansätze. Kirchner glaubt, dass sich gerade der Männerbereich in den zurückliegenden Jahren stark gewandelt hat. Einstige Biathlon-Entwicklungsländer hätten aufgeschlossen zu den großen Nationen, sodass „zwischen einem Topresultat und Platz 30 nur minimale Unterschiede liegen“. Die Zeiten, in denen die Deutschen den Weltcup mit dem siebenmaligen Weltmeister Kirchner beherrschten, sind demnach vorbei. Der Konkurrenz ist's recht – auch wenn sie gänzlich andere Gründe für die Leistungsschwankungen der deutschen Männer parat hat. Da braucht man nur Wolfgang Pichler zu fragen. Der Trainer Schwedens behauptet, den Deutschen seien die Triumphe der Vergangenheit nicht gut bekommen. Pichler sprach von einer „Abwärtsspirale“, weil es versäumt wurde, den Nachwuchs zu fördern.

Wenn man sich Michael Greis anschaut, ist man geneigt, der Theorie Pichlers Glauben zu schenken. Der 34 Jahre alte Bayer ist so etwas wie das Gesicht dieser vermeintlichen Erfolgssättigung. Sein Niveau aus dem Jahr 2006 hat Greis nicht mehr erreicht. Wie auch? Gleich drei olympische Goldmedaillen hatte er in Turin geholt. Seine olympischen Triumphe betrachtet der Biathlet mittlerweile nicht nur als Segen, sondern auch als Bürde, immerhin wird er bei jedem Wettkampf an seiner Überform von 2006 gemessen. Es hat eine Weile gedauert, bis Greis sich davon freimachen konnte, doch inzwischen arbeitet er „zielorientierter“, sagt er.

Einen ersten Beweis dafür lieferte er mit der Staffel am Mittwoch. Erstmals seit über vier Jahren lief diese wieder auf den ersten Platz und beeindruckte damit nicht nur die weibliche Kollegenschaft „Die Männer haben es umgekehrt zu uns gemacht“, sagte eine sichtlich verdutzte Magdalena Neuner nach ihrem eigenen vermasselten Rennen. Tatsächlich herrscht in Oberhof aus deutscher Sicht derzeit so etwas wie verdrehte Biathlon-Welt. Und das Wetter drehte daran fleißig mit. Schon am Donnerstag, als die Männer in die Staffel starteten, verursachten Wind und widrige Verhältnisse insgesamt unverhältnismäßige verrückte 100 Strafrunden und mehr als 350 Nachlader.

Angesichts des Wetters muss sich wohl noch erst zeigen, wie ernst die Ergebnisse der Oberhofer Staffeln zu nehmen sind. Während die Männer gestern ihre Wiedergutmachungsmission fortsetzten (nach Redaktionsschluss dieser Ausgabe beendet), haben die Frauen am Samstagabend (17.40 Uhr, live im ZDF) und am Sonntag zwei Chancen, wieder ganz vorne anzukommen.

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