Biathlon : Amerikanische Revolution

In Tim Burke ist erstmals ein US-Biathlet in die Weltspitze vorgestoßen – mit europäischer Unterstützung

Helen Ruwald[Oberhof]
Burke Foto: Reuters
Exot unter Europäern. Biathlon ist nicht gerade eine amerikanische Sportart. Doch Tim Burke aus den USA führt inzwischen die...Foto: Reuters

Im Sommer haben sie sich immer wieder Duelle am Schießstand geliefert, in Lake Placid, der Heimat von Tim Burke. „Wir lieben beide den Konkurrenzkampf“, erzählt der Amerikaner. Hat er das Duell gegen seine Freundin, die deutsche Weltklassebiathletin Andrea Henkel, gewonnen? Burke stutzt kurz und sagt dann: „Es war ziemlich ausgeglichen.“ Vor einigen Jahren hätte der 27-Jährige wohl noch den Kürzeren gezogen. Andrea Henkel feierte 2002 in Salt Lake City den Olympiasieg über 15 Kilometer, Tim Burke trat erst zwei Jahre später erstmals bei einem großen Wettbewerb an: Bei der WM 2004 in Oberhof war sein bestes Ergebnis in einem Einzelrennen Platz 61, mit der US-Staffel kam er als 18. ins Ziel.

Die Zeiten haben sich geändert, mittlerweile liegt Tim Burke vor Andrea Henkel: Mit dem zweiten Platz im Massenstartrennen von Oberhof holte er sich gestern die Führung im Gesamtweltcup vom Russen Jewgeni Ustjugow zurück. Seine Freundin gewann ihr Rennen sogar, ist in der Weltcupwertung der Frauen derzeit aber nur auf Position acht zu finden. Die letzten drei Wochen verbrachten beide gemeinsam in Oberhof, wo Andrea Henkel lebt – die Vorbereitung dort zahlte sich aus. „Ich habe im Nebel trainiert und hatte heute einen Vorteil“, sagte Tim Burke, der trotz schlechter Sicht nur zweimal danebenschoss.

Es war schon eine kleine Revolution, die sich vor Weihnachten in Pokljuka abspielte, als Burke sich vor die Stars der Szene schob und als erster Amerikaner überhaupt das Gelbe Trikot eroberte. Amerika und Biathlon, das ging bislang nicht zusammen. „Die Amerikaner lieben Sportarten, in denen Amerikaner gut sind“, sagt Burke, „wenn man dann auf Platz 80 landet …“ Dass plötzlich „USA Today“ und die „New York Times“ über ihn berichten, ist ein erstes Anzeichen, dass sich etwas ändert.

Das liegt auch an Bernd Eisenbichler. 1999 kam der Deutsche, der die Ski von Ricco Groß bis zu dessen Karriereende wachste, als Skitechniker zum US-Team. Einige Jahre später hatten er und ein paar andere Leute eine ziemlich verrückte Idee – die von den USA als aufstrebender Biathlonnation, die um Olympiamedaillen kämpft. Eine Bank konnte als Sponsor gewonnen werden, und nach Turin 2006 sagte auch das Olympische Komitee der USA seine Unterstützung zu. Seither ist Biathlon ein hochprofessionelles Projekt. „Wenn man eine Vision hat, folgen die Leute einem“, sagt Eisenbichler, „in Deutschland wäre das schwieriger gewesen.“ Der ehemalige Skitechniker ist längst zum Sportdirektor aufgestiegen und stolz darauf, dass sein Vierjahresplan aufgegangen ist.

Weil erstklassige einheimische Trainer bislang fehlen, schart er europäische Spezialisten um sich: Trainer Per Nilsson ist Schwede, Schießtrainer Armin Auchentaller trainierte zuvor die Italiener. Servicemänner, Skitechniker und Physiotherapeuten kommen aus Deutschland und Tschechien, lediglich Mannschaftsarzt und Psychologe sind Amerikaner.

Bis Per Nilsson das Team 2006 übernahm, hatte Burke, der in den Jahren zuvor immer wieder von schweren Verletzungen gestoppt worden war, nicht einen einzigen Weltcuppunkt errungen. Die Saison eins nach Nilssons Ankunft beendete er bereits als Nummer 25 im Gesamtweltcup. Und zum Saisonauftakt in Östersund verblüffte er im Dezember 2009 mit Platz zwei und drei. Vor allem am Schießstand hat Burke viele Sonderschichten eingelegt und an Technik und Geschwindigkeit gearbeitet.

Dass Tim Burke ausgerechnet Biathlet geworden ist, liegt an seinem Heimatort. In Lake Placid, dem Olympiaort von 1980, probierte er als Kind die vielen exotischen Sportarten aus, für die Anlagen gebaut worden waren. Skispringen fand er nicht so toll, „da habe ich viel mehr Zeit auf dem Boden als in der Luft verbracht“, erinnert sich Burke. Am Biathlon dagegen hatte er Spaß.

Dass ihn in seiner Heimat kaum jemand auf der Straße erkennt, stört ihn nicht. Er ist es auch gewohnt, dass ihm, dem Amerikaner, nach wie vor kaum jemand etwas zutraut in dieser von Europäern beherrschten Sportart. „Das ist meine größte Motivation“, sagt er. „Ich genieße es, der Underdog zu sein.“ Er ist der erste Amerikaner, der im Gesamtweltcup führt, und er träumt davon, als erster Amerikaner eine Olympiamedaille im Biathlon zu gewinnen. Perfekt wäre es, wenn auch Andrea Henkel in Vancouver unter die ersten drei kommen würde und sie beide Grund zum Feiern hätten. So wie gestern in Oberhof.

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