Biathlon : Eine Skispitze zu kurz

Drei Zehntelsekunden fehlten. Drei Zehntelsekunden nach einem rund 75-minütigen Biathlonspektakel am Rennsteig. Die deutschen Biathletinnen werden Zweite beim Staffelrennen in Oberhof.

Helen Ruwald[Oberhof]
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Ins Ziel gerettet. Die Russin Slepzowa (links) verteidigt den Vorsprung vor Henkel. Foto: dpadpa-Zentralbild

Drei Zehntelsekunden fehlten. Drei Zehntelsekunden nach einem rund 75-minütigen Biathlon-Spektakel mit elf Schießfehlern der Deutschen, einer nervösen Debütantin und einem packenden Endspurt. Auf den letzten Metern löste sich Andrea Henkel aus dem Windschatten von Swetlana Slepzowa und versuchte, an ihr vorbeizuziehen, doch sie bekam ihre Skispitze nicht mehr vor die Russin. Mit Platz zwei beendete die deutsche 4-x-6-Kilometer- Staffel am Mittwoch das Rennen hinter Russland und vor Frankreich.

Es war ein begeisternder Lauf, den Andrea Henkel als Schlussläuferin beim Biathlon-Weltcup in Oberhof bot. Mit einem Rückstand von 40 Sekunden war sie ins Rennen gegangen, nach dem schnellen, fehlerlosen Liegendschießen waren es nur noch 21,7 Sekunden, und auch beim Stehendschießen behielt sie die Nerven. Die 23-jährige Slepzowa hatte bereits alle fünf Scheiben getroffen, als die neun Jahre ältere Henkel gerade erst einmal erfolgreich gewesen war. Doch bei minus acht Grad machte sie trotz klammer Finger erneut keinen Fehler. Mit 10,3 Runden Rückstand ging sie auf die letzten beiden Kilometer, angefeuert von 18 000 Zuschauern. Die deutschen Techniker am Streckenrand trieben sie nach vorne, Bundestrainer Uwe Müssiggang schaute gebannt auf den Monitor an seinem Beobachterposten beim Schießstand. „Ich war erstaunt, dass ich plötzlich so nah an Slepzowa dran war“, erzählte Henkel später, „ich dachte vorher, ich kriege sie nicht mehr. Der Schlussspurt ist nicht unbedingt meine Stärke.“

Müssiggang lobte sein Team für „ein Riesenergebnis vor dieser Kulisse. Es wird schwer, die Staffel für Olympia zu nominieren.“ Denn zwei der Besten fehlten gestern. Henkel, die in der Loipe schneller war als alle anderen Biathletinnen, trat erstmals in dieser Saison als Schlussläuferin an, weil Kati Wilhelm auf einen Einsatz verzichtete. Sie bat um eine Staffel- Pause, „um noch ein paar zusätzliche Tage trainieren zu können und noch einmal an meiner Technik zu arbeiten“. Der Olympia-Vorbereitung ordnet Kati Wilhelm alles unter, selbst einen Einsatz in ihrer Heimat Thüringen. In Magdalena Neuner schaute eine weitere Spitzenläuferin gestern nur zu. Sie wurde nach einem Infekt wie schon beim Staffelsieg ihrer Teamkolleginnen in Östersund geschont.

Doch auch ohne die beiden bewiesen die Deutschen, dass sie besser sind, als sie es in diesem Winter in den Einzelrennen gezeigt haben, in denen den erfolgsverwöhnten Sportlerinnen bislang noch kein Sieg gelungen ist. Vor dem tobenden, schreienden und trötenden Oberhofer Publikum begeisterte Müssiggangs Mannschaft nun zumindest in der Staffel erneut – allerdings mit Ausnahme von Henkel nicht am Schießstand. Elfmal mussten die Deutschen nachladen, so oft wie kein anderes der besten sieben Teams.

Startläuferin Martina Beck überquerte nach drei Schießfehlern als Zweite die Ziellinie hinter der Französin Marie Laure Brunet, Simone Hauswald (drei Schießfehler) erkämpfte Platz eins für ihr Team. Mit 1,5 Sekunden Vorsprung vor Russland ging Tina Bachmann bei ihrem ersten Staffel-Einsatz überhaupt auf die Strecke. „Beim Schießen war ich zu aufgeregt, ich habe den Rhythmus nicht gefunden“, gab sie zu. Nach fünf Fehlschüssen übergab die 23-Jährige als Zweite an Henkel.

Es folgte der dramatische Endspurt. „Beide Teams standen im Zielraum und haben gebrüllt“, sagte die russische Läuferin Anna Buligina, „ich kann mich nicht an ein ähnlich spannendes Rennen erinnern.“

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