Biathlon : Lauf- und Denkfehler

Weltmeisterin Kati Wilhelm kämpft mit Hüfte, Wind und Fans und fährt dennoch entspannt zu Olympia.

Helen Ruwald
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Laufen lernen. Kati Wilhelm muss immer wieder die richtige Technik üben. -Foto: dpa

Berlin - Die meisten Kinder lernen mit rund einem Jahr laufen – Kati Wilhelm ist 33 und kann es immer noch nicht perfekt. „Ich bin extrem, ich verlerne es immer wieder“, erzählte sie beim Biathlon-Weltcup in Oberhof am vergangenen Wochenende. „Und wenn es nicht läuft, werde ich unsicher und tüftle. Andere machen sich nicht so einen Kopf.“

Kati Wilhelm meint natürlich nicht das Geradeausgehen auf zwei Füßen, sondern die schnelle Jagd auf Skiern durch die Loipe. Bei den Weltcuprennen im Dezember war sie trotz eines fünften Platzes im Sprint von Pokljuka unzufrieden mit ihrem Bewegungsablauf. In der Weihnachtspause saß sie kopfschüttelnd vor dem Fernseher und verglich bei der Videoanalyse ihren Laufstil im Weltcup und bei der Vorbereitung in der Oberhofer Skihalle. „Da habe ich die Fehler gesehen“, sagte Kati Wilhelm. „Die Hüfte stand total verkehrt. Wenn die linke Hüfte vorn ist, kommt der linke Fuß nicht vor. Dann kann man sich nicht gut abdrücken.“

Wilhelm, der dreimaligen Olympiasiegerin, gelang es, die Fehler schnell abzustellen: Im Sprint von Oberhof wurde sie beim Sieg von Simone Hauswald Vierte. Heute will sie in Ruhpolding über 7,5 Kilometer erstmals in dieser Saison unter die besten drei kommen (17.20 Uhr, live im ZDF). Das wäre schon in Oberhof möglich gewesen, wenn sie nun nicht einen entscheidenden anderen Fehler gemacht hätte. Keinen Lauf- sondern einen Denkfehler. Bei starkem Wind suchte sie sich beim Stehendschießen den Schießstand 30 aus, nur zwei Meter von der Zuschauertribüne entfernt. Dass der Platz keineswegs windgeschützt war, war das eine, die Kommentare der Fans waren das andere. Während Kati Wilhelm sich auf sich und den Wind konzentrieren wollte, redeten die Zuschauer unaufhörlich auf die Thüringerin ein. „Ganz ruhig, Kati“, habe einer gerufen, erzählte Wilhelm leicht genervt, „das wird schon“, ein anderer.

Doch es wurde nichts, Wilhelm verpasste zwei Scheiben und einen Platz auf dem Podest. Das Danebenschießen ging am Sonntag beim Massenstart weiter. Fünf Fehlschüsse, alle liegend, bedeuteten beim Erfolg von Andrea Henkel Rang zehn. Kati Wilhelm behielt beim Blick auf das Trefferbild ihren Humor: „Das sah gut aus, alle Treffer waren links. Ich habe gut geschossen, aber daneben.“

Das soll sich bis zu den Olympischen Spielen in Vancouver ändern, auch wenn sie glaubt, „dass ich nicht so unter Druck stehe“. 2002 in Salt Lake City überraschte die ehemalige Langläuferin mit zweimal Gold und einmal Silber, 2006 reiste sie als Weltcup-Führende nach Turin – und beendete die ersten beiden Rennen auf Rang 16 und sieben. Sie, die Favoritin, schien zu scheitern. „Dann habe ich Gold in der Verfolgung geholt. Das war die größte Genugtuung überhaupt“, erinnert sich Kati Wilhelm. Die WM 2009 in Pyeongchang verließ sie mit zwei Gold- und zwei Silbermedaillen im Gepäck. „Das hat allem die Krone aufgesetzt, ich kann relaxt nach Olympia schauen.“

Favoritin ist eine andere: die Gesamtweltcup-Führende Helena Jonsson aus Schweden, die deutlich vor der Viertplatzierten Kati Wilhelm liegt. Der Abstand werde aber kleiner, sagt die Deutsche: „Der Lauf-Rückstand gegenüber den Schwedinnen hat sich reduziert.“ Kein Wunder. Kati Wilhelm hat mit 33 Jahren ja gerade wieder gelernt, wie man richtig läuft.

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