Biathlon : Laufen, schießen, ärgern

Viele befürchten, dass es nach den olympischen Spielen in Sotschi mit dem deutschen Biathlon bergab gehen wird. Weil die deutschen Biathleten enttäuschen, bangen auch die Weltcup-Standorte um die einheimischen Fans.

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Es wird bunter auf den Tribünen. Beim Weltcup in Ruhpolding kamen die Fans nicht nur aus Deutschland.
Es wird bunter auf den Tribünen. Beim Weltcup in Ruhpolding kamen die Fans nicht nur aus Deutschland.Foto: imago/GEPA pictures

Viele Gelegenheiten wird es nicht mehr geben, vielleicht gar keine mehr – deshalb fiel den Organisatoren des Ruhpoldinger Biathlon-Weltcups die Wahl ihres Coverboys diesmal leicht. Von allen Plakaten, Broschüren und Aushängen, mit denen für den traditionellen Januar-Stopp der Biathleten geworben wurde, blickte dem Betrachter der skibebrillte Andreas Birnbacher entgegen. Der Mann aus dem nahe gelegenen Reit im Winkl, der seine Karriere im März womöglich beendet. Nicht zuletzt, um mehr Zeit mit seinem im April 2013 geborenen Sohn verbringen zu können.

Das Interesse von Louis Birnbacher am Job des Papas hält sich jedenfalls sehr in Grenzen. „Das ist dem noch komplett wurscht. Er konzentriert sich aufs Essen und Schlafen“, sagt Andreas Birnbacher. Und die Leistungen des 32-Jährigen und seiner Teamkollegen in der Chiemgau-Arena gaben auch den Zuschauern nicht dringend Anlass, sich umgehend eine Eintrittskarte fürs nächste Jahr zu sichern. So wurde Birnbacher beim Verfolgungssieg des Norwegers Emil Hegle Svendsen trotz drittschnellster Laufzeit nur 24., vor und hinter ihm verteilten sich die übrigen deutschen Kandidaten Simon Schempp (11.), Daniel Böhm (23.), Erik Lesser (29.) und Arnd Peiffer (38.). Etwas besser, aber ebenfalls nicht rosig war die Lage bei den deutschen Frauen: Die 19-jährige Franziska Preuß wurde Vierte, deutlich vor Franziska Hildebrand (13.), Andrea Henkel (14.) und Laura Dahlmeier (19.).

Ergebnisse, die Uwe Müssiggang zunehmend nachdenklich machen. Vier Wochen sind es nur noch bis zu den Olympischen Spielen, und der Chef der deutschen Biathleten sah die Zeit reif für einen kurzen Appell in puncto Psyche. „Wir dürfen jetzt nicht in Panik verfallen, sondern müssen Ruhe bewahren. In der kommenden Woche in Antholz können wir noch einiges aufholen“, spielte Müssiggang den Muntermacher, erkannte aber auch zerknirscht: „Beim einen hakt’s beim Laufen, beim anderen beim Schießen.“

Die Staffeln bleiben die besten und womöglich einzigen Medaillenchancen der deutschen Biathleten in Sotschi. Und nicht wenige glauben, dass sich für die einst so erfolgsverwöhnte Branche dort entscheidet, ob es mit dem öffentlichen Interesse nach Olympia bergab geht. Der befürchtete Einbruch nach dem Karriereende von Magdalena Neuner 2012 blieb zwar aus, doch einen Garantieschein für volle Stadien bei den Weltcups in Oberhof und Ruhpolding gibt es längst nicht mehr. Dazu mussten sich die Veranstalter im Chiemgau bei der Vorbereitung ihres 30. Weltcups mit Beschwerden der örtlichen Gastronomie auseinandersetzen. Wegen der zuletzt späten Startzeiten beklagten die Gaststättenbetreiber sinkende Umsätze. Mit Erfolg: Diesmal begann am Austragungsort der WM 2012 kein Rennen später als 14.30 Uhr. Zudem wurden die Preise für die Generalkarten für alle Tage gesenkt – und Claus Pichler, Chef des Organisationskomitees, deutete mit seinem Hinweis auf die Diskussionen bei einem eigens durchgeführten Fan-Workshop an, dass sich die Veranstalter etwas einfallen lassen müssen, um ihre zunehmend anspruchsvolle Klientel nicht zu verlieren.

Einen Trost gibt es für die Veranstalter in Thüringen und Oberbayern immerhin: Parallel zum Überholmanöver der internationalen Biathlon-Konkurrenz ist auch der Hang zur Schlachtenbummelei in einigen Nationen gewachsen. In Ruhpolding machten neben den deutschen Fans vor allem die Norweger Rabatz auf den Rängen, aber auch russische, tschechische oder schwedische Stimmen sind zunehmend zu hören. Und nach der Männerverfolgung am Sonntag steckte, wenige Meter hinter der Ziellinie, eine norwegische Flagge im Kunstschnee. Platziert hatte sie Emil Hegle Svendsen – als wäre er nicht einfach als Erster im Ziel gewesen, sondern gerade als erster Mensch auf dem Mond gelandet.

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