Biathlon : Morddrohung per E-Mail

Schwedens Biathleten leben bei der WM in Angst, weil sie sich vehement gegen Doping aussprechen.

Andreas Morbach[Pyeongchang]
258504_3_jon.jpg
Verunsicherte Weltmeisterin. Helena Jonsson.Foto: dpa

Wie ein Skiurlauber auf dem Weg ins Hallenbad sah Wolfgang Pichler aus, als er gestern in blauen Gummischuhen durch das Team-Quartier „Green Pia“ in Pyeong chang schlappte. Doch der Schein trog: Der Trainer der schwedischen Biathleten war sauer. „Statt mich um meine Weltmeisterin Helena Jonsson kümmern zu können, muss ich dauernd über Doping reden“, klagte der 54-Jährige bei der WM in Südkorea. „Wir alle haben den Ärger – weil die Russen gedopt haben.“ Am Tag vor WM-Beginn hatte die Internationale Biathlon-Union (IBU) bestätigt, dass auch die B-Proben von Jekaterina Jurjewa, Albina Achatowa und Dmitri Jaroschenko positiv sind. Doch nun kommt zum Ärger auch noch die Angst.

Pichler berichtete gestern während der Mannschaftsführersitzung, Mitglieder seines Teams bekämen seit einiger Zeit wegen ihres Auftretens gegen Doping Morddrohungen, verpackt in E-Mails aus Russland. Er kommentierte die Angelegenheit vielsagend: „Herr Tichonow ist ja schon einmal wegen Anstiftung zum Mord verurteilt worden.“ Alexander Tichonow, der russische IBU-Vizepräsident, wurde 2007 zu drei Jahren Haft verurteilt, nachdem er für schuldig befunden worden war, zu den Hintermännern eines gescheiterten Mordanschlags auf den sibirischen Gouverneur Aman Tulejew zu gehören. Wegen einer Amnestie musste Tichonow die Strafe aber nie antreten. Die IBU konnte sich bisher zu keinen Schritten gegen ihn durchringen.

Pichler stellte den Antrag, dass die IBU bei der russischen Regierung beim Weltcupfinale in Chanty Mansijsk Sicherheitsgarantien für die Schweden erwirken möge. „Unsere Sportler haben Angst“, sagte Pichler. Er selbst sei am Sonntag von einem russischen Funktionär handgreiflich angegangen worden. „Wir müssen um unser Leben fürchten“, sagte er. Die Schweden hatten zuvor auch einen generellen Boykott des Weltcupfinales ins Gespräch gebracht. IBU-Präsident Anders Besseberg bedauerte die Drohungen und versprach, dass sich der IBU-Vorstand auf seiner Sitzung am Freitag mit der Problematik befassen werde. „Wir nehmen das sehr ernst“, sagte der Norweger.

Tichonow, der auch Vizepräsident des russischen Biathlon-Verbandes (RBU) ist, sagte in einem TV-Interview zu den drei überführten Athleten: „Ich bin auch gegen Doping – die Sportler aber sind unschuldig.“ Als sie den zweiten Teil des Satzes hörte, stand Elena Anikina erst einmal der Mund offen. „Hat er das wirklich gesagt?“, fragte die RBU-Sportdirektorin im „ZDF“ nach, entschuldigte sich anschließend für Tichonow und kündigte eine schonungslose Aufklärung der Dopingfälle an. Für Anikina, erst im November vom ebenfalls neu eingesetzten RBU-Präsidenten Michail Prochorow, einem 43-jährigen Multimilliardär, zur Sportchefin gekürt, steht die Imagepflege bis auf Weiteres ganz oben auf der Agenda. Mit samtweicher Stimme erklärt sie, die drei sündigen Athleten hätten in einem Gespräch mit Prochorow ihre Schuld eingestanden und wollten nun „dabei mithelfen, herauszufinden, wer mehr oder weniger Schuld trägt“.

Derweil sehen sich die in Südkorea verbliebenen russischen Biathleten in der Opferrolle. Russlands Vertreter Dmitri Alexsaschin hielt wegen des chaotischen Verfolgungsrennens bei der Mannschaftsführersitzung eine Brandrede und unterstellte der Berufungsjury Regelverstöße. Der WM-Zweite Maxim Tschudow erwägt einen Boykott der Siegerehrung am Dienstag. Sieger Ole Einar Björndalen war ursprünglich mit 60 Sekunden Zeitstrafe belegt worden, weil er beim Start eine falsche Strecke gewählt hatte. Das hätte den WM-Titel für Tschudow bedeutet. Doch die Jury nahm die Entscheidung zurück, weil der von Björndalen zurückgelegte Weg länger als die offizielle Strecke war. Ein russischer Teamsprecher sagte dem Internetportal „allsport.ru“, man prüfe eine Klage gegen das Urteil beim Internationalen Sportgerichtshof (Cas) in Lausanne.

Tschudow dürfte mit einem Boykott allerdings nicht durchkommen. Tichonow hat bereits angeordnet: „Wir sind Sportler. Natürlich geht er hin.“ (mit dpa)

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben