Biathlon : Neuner hat aus ihren Fehlern gelernt

Sie zählt zu den Favoriten, doch noch ist sie weit von ihrer Bestform entfernt: Biathletin Magdalena Neuner verkörpert Deutschlands große Olympia-Hoffnung.

Helen Ruwald
314155_0_9247eb87.jpg
Fahrt nach vorn. Magdalena Neuner greift im Weltcup wieder an. Foto: dpadpa-Zentralbild

Berlin - Auf dem Trainingsgelände von Magdalena Neuner in Mittenwald fahren Panzer, die Umkleidekabine ist ein alter Baucontainer ohne Licht, so dass die sechsfache Biathlon-Weltmeisterin nach dem Training manchmal im Dunkeln steht. „Ich glaube, zumindest eine Gasheizung gibt es jetzt“, erzählt sie. Ganz sicher ist sie sich nicht, weil sie im Winter ja mit den Weltcup-Kolleginnen unterwegs ist. Sonst aber trainiert sie auf dem Truppenübungsplatz Mittenwald, in der Nähe ihres Heimatortes Wallgau. Und da kann es schon gefährlich werden, wenn sie ihre Kilometer auf Skirollern herunterspult. „Ich muss jeden Tag aufpassen, dass mich kein Panzer über den Haufen fährt“, erzählt sie, klingt dabei aber kein bisschen verschreckt.

Sie liebt ihr Trainingsgelände, auch wenn dort viel improvisiert wird. Martina Beck ist manchmal dabei, alle übrigen sind Nachwuchssportler. Doch ein Wechsel in die Biathlon-Hochburgen Oberhof oder Ruhpolding steht nicht zur Diskussion. „Ich trainiere da seit 13 Jahren“, sagt die 22-Jährige, „ich fühle mich dort wohl. Bei jedem Training treffe ich meine Freunde.“ Ihr gewohntes Umfeld, Familie und Freunde wollte sie in der Vorbereitung auf das Olympia-Jahr nicht missen. Ein Jahr, in dem die Erwartungen an Magdalena Neuner hoch sind, auch ihre eigenen Erwartungen. Sie versucht, Olympia noch wegzuschieben, doch ganz gelingt es ihr nicht. „Als ich im Sommer Kilometer um Kilometer trainiert habe, habe ich mich schon gefragt: Warum machst du das?“ Dann tauchte vor ihr das Bild auf, „wie ich bei Olympia ganz oben stehe, mit der Goldmedaille um den Hals“.

Sie zählt zu den Favoriten, doch noch ist sie weit von ihrer Bestform entfernt. Beim Weltcupauftakt in Östersund vergangene Woche pausierte sie wegen eines grippalen Infekts, gestern startete sie beim Sprintrennen in Hochfilzen in die Saison – sie wurde mit zwei Fehlern beim Stehendschießen und rund zwei Minuten Rückstand auf Siegerin Anna Carina Olofsson-Zidek nur 29. Die besten Deutschen waren Simone Hauswald und Tina Bachmann auf den Plätzen vier und fünf. „Ich war fertig und platt“, sagte Neuner.

Sie steht unter Druck, alle Fehler der Olympia-Hoffnung werden in der Öffentlichkeit seziert. Die Zeiten sind vorbei, in denen sie unbelastet zum Titel stürmen konnte. Vor drei Jahren verließ die zuvor fast völlig unbekannte 19-Jährige die Weltmeisterschaft in Antholz mit drei Goldmedaillen. Sie war schnell, sie war hübsch, sie war eloquent. Sie war das neue, gefeierte Gesicht des deutschen Wintersports. Ein Jahr später gewann sie erneut drei WM-Titel, 2009 dann musste sie erste Misserfolge einstecken. Bei der WM in Pyeongchang war Rang sieben im Massenstart ihre beste Platzierung in einem Einzelrennen. Im Gesamtweltcup sicherte sie sich zwar vor allem dank überragender Auftritte in der Loipe Platz vier, scheiterte aber immer wieder am Schießstand an ihren Nerven. Selbst während der Rennen grübelte sie. „Ich dachte immer, was sage ich den Reportern diesmal, wenn ich wieder danebengeschossen habe“, erzählte sie der „Süddeutschen Zeitung“.

Sie arbeitet nun mit einem Mentaltrainer zusammen – und hat die Zahl ihrer PR-Termine deutlich reduziert. In den vergangenen Jahren absolvierte sie jeweils bis zu 30 Termine für ihre Sponsoren, „immer an meinem einen freien Tag pro Woche. Wenn man immer sieben Tage arbeitet, kriegt man den Kopf nicht frei, wird gestresst und krank.“ Sie hat gemerkt, dass Körper und Kopf mehr Ruhe brauchen – und hat darauf gehört.

Noch ist die Biathletin nicht für Olympia qualifiziert, doch längst gibt es Diskussionen, ob sie in Vancouver nicht auch in der Langlaufstaffel starten könnte. Bundestrainer Jochen Behle hat angefragt, doch Magdalena Neuner ist sich nicht sicher, ob das was für sie ist. „Wie sollen die Langläuferinnen sich noch motivieren, wenn da eine Biathletin reinkommt?“, sagt sie. Zudem habe sie dann womöglich schon „fünf Wettkämpfe in den Beinen. Und wenn ich dann nicht 100 Prozent fit bin, sitzen die Langläuferinnen da und denken, das hätten wir besser gekonnt.“

0 Kommentare

Neuester Kommentar