Biathlon : Simon Schempp, der Shooting-Star

Simon Schempp ist der jüngste der deutschen Biathleten – und derzeit der beständigste. Beim Schießen lässt er sich jedenfalls nicht aus der Fassung bringen.

Helen Ruwald[Oberhof]
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Der Beste zum Schluss. Simon Schempp ist zum Zielläufer der deutschen Biathlon-Staffel aufgestiegen. -Foto: dpa

Eine eigene Homepage ist ein Muss. Außergewöhnliche Hobbys sind noch besser. Arnd Peiffer, 22 Jahre alt und seit einem Jahr im Biathlon-Weltcup, zeigt auf seiner Homepage bei „Arnd-TV“ selbst aufgenommene Sequenzen aus der Biathlon-Szene und bringt dem Zuschauer darin „das Geheimnis sauberer Gewehrzwischenräume“ näher. Christoph Stephan, 23, liebt Tattoos. „Das ist einfach ein schönes Gefühl, die Nadel, der Schmerz. Darauf stehe ich irgendwie“, hat er einmal erzählt. Und Routinier Alexander Wolf war Berater bei dem neuen Biathlon-Krimi „Der 6. Fehler“, der in Oberhof spielt. Da kann Simon Schempp nicht mithalten. Er hat keine Homepage, und sein Hobby ist nicht exotisch, dafür aber mit seelischer Pein verbunden: Der 21-Jährige leidet als Fußballfan derzeit mit dem VfB Stuttgart.

Erst im März 2009 gab Schempp in Vancouver sein Weltcup-Debüt, inzwischen ist der Jüngste und Unerfahrenste im Team Schlussläufer der deutschen Staffel. Der Mann also, der unter dem größten Druck steht, der die Fehler der Kollegen korrigieren oder einen Vorsprung über die Zeit retten muss. In Oberhof gelang ihm das am Donnerstag mit einem begeisternden Auftritt. Vor 17 000 Zuschauern sicherte er den in diesem Winter bislang enttäuschenden deutschen Männern wie schon in Hochfilzen den dritten Platz. Mit Nervenstärke, Coolness und Schussstärke. Als einziger Deutscher traf er alle zehn Scheiben ohne nachzuladen, und auch von den Schnellschusseinlagen des 14 Jahre älteren Norwegers Ole Einar Björndalen, der neben ihm lag, ließ Schempp sich nicht aus der Fassung bringen. „Das hat Simon sensationell gemacht“, lobte Bundestrainer Frank Ullrich.

Am Tag danach gab sich Schempp ganz bescheiden. „Die vielen Zuschauer haben mich an der Strecke beflügelt. Am Schießstand habe ich versucht, sie auszublenden. Das hat ganz gut geklappt“, sagte er. Auf der Strecke attackiert er, er mag das Duell „Mann gegen Mann am gernsten“, wie er es in der Aufregung seiner ersten Pressekonferenz formulierte. Neben der Strecke ist er defensiv, kein Sprücheklopfer wie sein Teamkollege Christoph Stephan. Bloß kein falsches Wort sagen, nur nicht zu selbstbewusst rüberkommen.

Jungspund Schempp hat niemand Geringeren als Olympiasieger Michael Greis, seinen Trainingspartner aus Ruhpolding, als Schlussläufer verdrängt. „Verdrängt würde ich nicht sagen“, korrigiert Schempp schnell. „Frank Ullrich wollte Greis mal auf einer anderen Position sehen.“ Der Wahrheit näher kommt, dass Greis formschwach ist, sich in der Staffel in Oberhof vier Fehlschüsse leistete und als Schlussläufer derzeit ein zu großes Risiko darstellt. Schempp nicht, auch wenn ihm nach zu schnellem Start auf der letzten Runde die Kraft ausging und er den gefährlich nahe kommenden Österreicher Christoph Sumann nur um fünf Sekunden abhängte. „Als Schlussläufer hat man eine große Verantwortung. Wenn man es versiebt, ist das ganze Rennen versiebt“, sagt Schempp, „es wird sicher auch mal in die Hose gehen.“

Auch in den Einzelrennen dieses Winters hat noch nicht alles geklappt. Bei den Sprints in Hochfilzen und Pokljuka schoss Schempp bei zehn Versuchen je dreimal daneben und landete nur auf den Plätzen 57 und 42. Beide Male ging er deshalb chancenlos von weit hinten in die Verfolgungsrennen – und kämpfte sich noch auf Rang 33 beziehungsweise 10 vor. Als er in Slowenien 32 Plätze gutmachte, schoss er als nur einer von zwei Biathleten bei allen 20 Versuchen fehlerfrei. Mit diesem Ergebnis schaffte Schempp die halbe Olympia-Norm. Wenn er heute beim Sprint in Oberhof (12.30 Uhr, live in der ARD) erneut unter die besten 15 kommt, darf er im Februar mit nach Vancouver. Zu Saisonbeginn war Olympia für ihn nur ein Traum, ein so hohes Ziel wagte Schempp sich gar nicht zu stecken. Dabei überzeugte er bei der Saison-Vorbereitung am Polarkreis alle. „Simon war dort unser Bester“, sagt Ullrichs Assistent Mark Kirchner, der den 21-Jährigen bereits als „gereifte Persönlichkeit mit Intellekt“ bezeichnet.

Gereift ist Schempp im Skiinternat in Furtwangen, wohin er als 15-Jähriger zog, weil seine schwäbische Heimat Uhingen alles andere als eine Biathlon-Hochburg ist. Deshalb versuchte er sich zunächst auch als Skirennläufer, ehe er, animiert von seinem Vater, einem ehemaligen Biathleten, die Sportart wechselte. Weil ein richtiger Schießstand fehlte, „haben wir im Schützenhaus geschossen“, erzählt Simon Schempp. Die Zeiten sind längst vorbei, und auch ein anderer Missstand soll bald der Vergangenheit angehören: Schempps eigene Homepage ist geplant.

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