Biathlon : Sperre als Signal

Der erstaunliche Formzuwachs mancher Biathleten pünktlich zur WM irritiert die Konkurrenz. Wie Biathlonverbände weltweit gegen Doping vorgehen.

Andreas Morbach[Östers]

Wie eine glückliche, entspannte Mutter sieht Albina Achatowa wirklich nicht aus. Etwas verkrampft sitzt die 31 Jahre alte Biathletin auf ihrem Hocker. Aber womöglich haben die gekrümmte Haltung und die leise Stimme, mit der die Russin Fragen zu ihrem Sohn und ihren erstaunlichen WM-Erfolgen in Östersund beantwortet, gar nichts mit innerer Unruhe zu tun. Sondern einfach mit Achatowas Englischkenntnissen. Die Medaillengewinnerin im Sprint (Silber) und in der Verfolgung (Bronze) sucht immer wieder nach den passenden Worten.

Nicht erst seit ihr Teamkollege Iwan Tscheressow vor zwei Monaten beim Weltcup in Pokljuka mit einem Hämoglobinwert von 18,2 – der Grenzwert liegt bei 17,5 – aufgefallen und vom Weltverband (Ibu) mit einer Schutzsperre belegt worden war, beobachtet die Konkurrenz Russlands Skijäger mit Argwohn. Anschließend gab der russische Verband auch noch zu, regelmäßig interne Blutkontrollen durchzuführen, um die zulässigen Grenzwerte nicht zu überschreiten. Und kürzlich erhielt Olga Pylewa nach Ablauf ihrer zweijährigen Dopingsperre von ihrem Verband die Starterlaubnis für die EM in Nove Mesto.

Ein weiterer Rückschlag für die Ibu waren die Mitte Januar aufkommenden Gerüchte, deutsche Biathleten hätten sich in einem Wiener Blutlabor gedopt. Beweise gibt es keine, doch die Ibu sah sich gezwungen in Östersund zu kontern. Sie sperrte die finnische Wiederholungstäterin Kaisa Varis lebenslang. Varis, als Langläuferin von 2003 bis 2005 wegen Epo-Missbrauchs gesperrt, war beim Weltcup am 6. Januar in Oberhof auch im Biathlon als Epo-Betrügerin entlarvt worden. „Das ist ein Signal, dass wir die Dinge in die Hand nehmen“, sagte der deutsche Ibu-Vizepräsident Alfons Hörmann.

Kritiker allerdings werfen dem deutschen Skiverband vor, an einer konsequenten Aufklärung möglicher Dopingpraktiken nicht interessiert zu sein, um die Boom-Sportart nicht zu zertrümmern. Schwedens deutschem Trainer Wolfgang Pichler sagt sein Gefühl, „dass etwa zehn Prozent der Starter im Weltcup mit unsauberen Mitteln arbeiten“. Ole Einar Björndalen würde überführte Doping-Sünder nach italienischem Vorbild am liebsten ins Gefängnis stecken. Die Kontrollen in den Biathlon-Hochburgen Norwegen und in Deutschland hält Björndalen für ausreichend, findet jedoch: „Die Strafen sind viel zu milde.“ Zudem „wäre es wichtig, wenn jetzt auch die Russen bei den Kontrollen mitziehen würden“.

Als Achatowa 2003 positiv auf die stimulierende Substanz Nikethamid getestet wurde, übernahm die zuständige Ärztin die Verantwortung: Sie habe Achatowa noch vor der Dopingkontrolle das Präparat Cordiamini, welches die verbotene Substanz enthält, gespritzt – um den Kreislauf der im Ziel kollabierten Biathletin zu stabilisieren. Eine erstaunliche Geschichte – nun wundern sich alle darüber, dass Achatowa 14 Monate nach der Geburt ihres Sohnes, nach nur einem halben Jahr Training und dürftigen Weltcupergebnissen im Januar (Platz 38, 34, 30 und 22 in Ruhpolding und Antholz) pünktlich zur WM auf dem Podium steht. „Dass das so schnell ging“, sagt sie selbst nur, „hat mich auch überrascht.“

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