Biathlon-WM : Silber für das Gesamtkunstwerk

Christoph Stephan wird bei der Biathlon-WM überraschend Zweiter über 20 km und fällt mit skurrilen Sprüchen auf. Erst im Januar gewann der 23-Jährige sein erstes Weltcuprennen.

Andreas Morbach[Pyeongchang]
Biathlon-WM in Korea - Christoph Stephan gewinnt Silber
Nur einer war schneller. Christoph Stephan holte Silber hinter Ole Einar Björndalen.Foto: dpa

Christoph Stephan schätzt eine Sache ganz besonders: seine Ruhe zu haben. Privat ist das so, da stülpt sich der Polizeimeister des Bundesgrenzschutzes am liebsten einen dicken Kopfhörer über die Ohren und entschwindet in die Welt der Musik. Und auch als Biathlet bemüht sich der 23-Jährige, so wenig Trubel wie möglich um sich herum zu haben. Am Schießstand ist das zwar nicht ganz so einfach wie beim Musikhören zu Hause – aber an eines müssen sich die Betreuer schon halten: Keine Hinweise zu irgendwelchen Zwischenständen zu geben. Und zwar bis nach dem letzten Schießen. Dann ist bei sachdienlichen Hinweisen selbst Christoph Stephan ganz Ohr.

Besonders gut trifft es sich da, dass die Weltmeisterschaften in Pyeongchang gerade mehr oder weniger unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden. Beim gestrigen Einzelrennen der Männer über 20 Kilometer war die Kulisse noch dürftiger als am Wochenende. Der Vorteil: Stephan, der sich bei den üblich windigen Bedingungen bei 20 Schussversuchen nur einen einzigen Fehler erlaubte, konnte so ganz genau vernehmen, was der aufgeregte Bundestrainer Frank Ullrich ihm nach der letzten Einlage am Schießstand im Laufschritt so alles zurief. 3,6 Sekunden lag Stephan da noch vor dem späteren Sieger Ole Einar Björndalen, der im dritten WM-Rennen zum dritten WM-Titel kam.

"Das ist mir alles zu kommerziell"

Stephan, der im Januar in Antholz sein erstes Weltcuprennen gewonnen hatte, verlor in der Schlussrunde zwar noch 18 Sekunden auf Björndalen. Stephan war es egal, er konnte selbst Platz zwei nicht fassen – schließlich war er erst für den krank abgereisten Andreas Birnbacher ins Team gekommen. Nicht mit Stephan hatte man gerechnet, sondern mit Olympiasieger Michael Greis, doch der belegte nach vier Schießfehlern nur Platz 19. „Eine Wahnsinnsleistung vom Christoph“, sagte Ullrich mit Tränen in den Augen.
Christoph Stephan hing später in seinem Stuhl, das Päckchen mit der Silbermedaille in der linken Hand, schaute kurz in die Runde und staunte: „Jetzt bin ich aber wichtig.“ Der Tonfall verriet: Viel Spaß macht ihm das nicht. Sogar „ein bisschen unangenehm“ sei ihm solch ein Wirbel, und überhaupt: „Das alles ist mir etwas zu kommerziell.“ Ob er wollte oder nicht, es gelang ihm, dennoch mit seinen skurrilen Antworten Aufmerksamkeit zu erregen. Verrückte Leute, die verrückte Dinge machen, das gefalle ihm, lässt der junge Mann die Welt auf seiner Homepage wissen. „Ich bin ein Gesamtkunstwerk“, erklärt der Biathlet vom WSV Oberhof ohne mit der Wimper zu zucken. Und die Eckpfeiler dabei sind „ich, meine Playstation 3, meine Musik“.

Platz 22 und 41 in den ersten WM-Rennen

Den Bundestrainer hat er in diesem Zusammenhang nicht genannt. Am Werdegang des Sportlers Christoph Stephan war Frank Ullrich trotzdem entscheidend beteiligt. Zumal die beiden Thüringer auch durch persönliche Schicksalsschläge – Ullrich verlor vor Jahren seine Frau, Stephan vor eineinhalb Jahren seinen Vater – eine besondere Verbindung haben. „Diese Medaille widme ich meinem Vater“, sagte Stephan, nachdem er zuvor im kleineren Kreis die Verdienste des Bundestrainers gewürdigt hatte.
Ullrich gelang es, dem innerlich noch nicht gefestigten Biathleten, der 2006 im Weltcup debütierte, eine professionelle Einstellung nahe zu bringen. „Ich hatte den Sinn des Sports nicht so erkannt, habe eher Dinge gemacht, die mit Sport nicht viel zu tun hatten“, erzählt Christoph Stephan, der sich im Rückblick als Lebemann mit „ein paar Pfunden zu viel“ auf den Rippen durch die Weltgeschichte spazieren sieht. Dann wurde abgespeckt – und in Pyeongchang schließlich einen Tag vor dem Einzelrennen gemeinsam mit Ullrich an den Kleinigkeiten gefeilt. Zum Beispiel am richtigen Umgang mit den südkoreanischen Winden. Schließlich hatten diese ihm in Sprint (Platz 22) und Verfolgung (41) sehr zu schaffen gemacht.

In der Mixed-Staffel nur Zuschauer

„Er ist einer, dem man vor dem Start noch Tipps geben kann, die wichtig sind“, lobt der Bundestrainer Stephans Coolness. Mit seinem ersten Weltcupsieg in Antholz hatte Stephan nach eigener Aussage „Blut geleckt“. In der morgigen Mixed-Staffel kann er seine frisch entdeckte Leidenschaft allerdings nicht ausleben – Ullrich hat Arnd Peiffer und Michael Greis nominiert. „Schade“, kommentierte Christoph Stephan trocken. „Das wäre eine sichere Medaille gewesen.“

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