Biathlon-WM : Wenn schon daneben, dann richtig

Im 15-Kilometer-Rennen von Ruhpolding patzt Magdalena Neuner am Schießstand. So gewinnt die Norwegerin Tora Berger im Einzel der Frauen bei der Biathlon-WM.

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Magdalena Neuner verfehlte insgesamt sechs Scheiben und kam fast fünf Minuten nach der Siegerin Tora Berger ins Ziel.
Magdalena Neuner verfehlte insgesamt sechs Scheiben und kam fast fünf Minuten nach der Siegerin Tora Berger ins Ziel.Foto: dpa

Das schlimme Durcheinander im Team der deutschen Biathletinnen ging sogar noch weiter, als das Einzelrennen über 15 Kilometer schon unwiderruflich in den Sand gesetzt war. Von Rekordweltmeisterin Magdalena Neuner über Andrea Henkel, Einzel-Olympiasiegerin von 2002, Tina Bachmann, der WM-Zweiten 2011 in dieser Disziplin, bis hin zu Miriam Gössner hatten alle DSV-Starterinnen in der Chiemgau Arena einen furchtbaren Nachmittag verlebt. Und nun startete an Ort und Stelle die Fehleranalyse. Selbstkritisch äußerte sich Ricco Groß, indem er das angespannte Verhalten der Trainergilde vor dem Rennen ins Visier nahm. „Vielleicht haben wir beim Anschießen zu viel Hektik hineingebracht“, mutmaßte der Frauen-Bundestrainer und bot sich für die anstehende Fahndung nach einem Prügelknaben als Kandidat an: „Wir müssen alles hinterfragen.“

Zumindest aus Sicht von Andrea Henkel („Es war nicht hektisch, es war alles wie immer“) ist Groß für diese Rolle zwar nicht geeignet, Neuner beurteilte die Lage dagegen etwas anders. „Sie haben einen nervösen Eindruck gemacht und immer gesagt: ,Schau auf die Windfahnen’“, meinte die 25-Jährige.

Denn die spielten im Rennen eine entscheidende Rolle. Beim Anschießen wehte eine deutliche Brise von der linken Seite, die aber schon kurz nach dem Start drehte. In dem bei Windböen besonders heiklen Schießstand von Ruhpolding bedeutet das erfahrungsgemäß nichts Gutes – und prompt langte bei der ersten der vier Serien gleich das komplette Top-Trio der Zunft kräftig daneben: Zunächst leistete sich die Weißrussin Darja Domratschewa vier Fehlschüsse, Neuner mit zwei und die Finnin Kaisa Mäkäräinen mit drei Fehlern schlossen sich an.

„Wenn man mit zwei Fehlern startet, ist der Frust groß. Und danach war ich am Schießstand im Kopf nicht mehr richtig motiviert“, bekannte Neuner, als sie eine Stunde nach ihrem Zieleinlauf schon wieder einigermaßen gelassen daherschlenderte und das Ende ihrer Hoffnungen auf sechs Medaillen bei sechs Starts nonchalant kommentierte: „Es hört sich vielleicht doof an – aber wenn ich Vierte geworden wäre, würde ich mich mehr ärgern.“ Oder ausdrücklich: „Wenn schon daneben, dann auch mit richtig Schwung.“

Die Sprint-Weltmeisterin war diesmal so schwungvoll, dass sie sich am Ende mit sechs Fehlschüssen und 4:40 Minuten Rückstand auf die Siegerin Tora Berger aus Norwegen auf Platz 23 wiederfand. Nur unwesentlich besser war ihre Team-Kollegin Henkel (20./4 Fehler), nochmals deutlich schlechter die Mitstreiterinnen Gössner (36./5) und Bachmann (48./7). Eine Bilanz, bei der sich jeder Versuch von Schönfärberei erübrigte. Zumal die Medaillengewinnerinnen Berger, Marie Laure Brunet (Frankreich) und Helena Ekholm (Schweden) keinesfalls aus dem Nichts kamen.

„Es sind ja keine Schlechten da vorne gelandet“, betonte Gerald Hönig, Bundestrainer-Kollege von Ricco Groß. Zugleich staunte er aber über die Platzierungen von Neuner, Domratschewa (25.) und Mäkäräinen (28.): „Die drei, die bislang die ganze Saison bestimmt haben, haben sich heute volle Klöpse geleistet.“ Ein Potpourri an patzender Prominenz – das umso mehr erstaunte, weil die Frauen bei strahlendem Sonnenschein nichts Unmenschliches zu leisten hatten. Das wusste auch Andrea Henkel, die nach ihrem dritten medaillenlosen Einzelwettbewerb bei dieser WM seufzte: „Das war nichts Außergewöhnliches heute, keine schwierigen Bedingungen.“

Außergewöhnlich war jedoch die Unfähigkeit einiger Favoritinnen, auf die herrschenden Verhältnisse angemessen zu reagieren. Dabei wurden den deutschen Biathletinnen die Informationen über die zwar drehenden, aber nicht stürmisch wehenden Winde wie üblich auf die Strecke gefunkt – allerdings stets mit dem Hinweis, das eigene Verhalten am Schießstand den aktuellen Bedingungen jeweils auch anzupassen.

„Wir sagen ihnen nicht, dass sie am Diopter drehen sollen“, betonte Bundestrainer Hönig und machte unmissverständlich klar, wer aus seiner Sicht die Verantwortung für das enttäuschende Ergebnis trug: „Wir vertrauen da auf den Ausbildungsstand unserer Athletinnen.“ Die hätten „zu zaghaft gedreht“, sagte Biathlon-Cheftrainer Uwe Müssiggang und polterte: „Das ist nicht unser Anspruch, damit können die Mädels nicht zufrieden sein.“

Diesem Urteil schlossen sich auch der selbstkritische Ricco Groß („Das war ein gebrauchter Tag“) und Magdalena Neuner an, die ihren vorletzten Weltmeisterschafts-Auftritt vor dem nahenden Karriere-Ende nun mit besonderer Motivation angeht: „In der Staffel am Samstag haben wir jetzt alle gemeinsam etwas gutzumachen.“

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