Bibiana Steinhaus : Frau Schiedsrichter

Das Debüt von Bibiana Steinhaus im Profifußball: Sie agiert im Hintergrund, aber in entscheidenden Momenten greift sie durch.

Kerstin Leppich
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Hier wird nicht diskutiert. -Foto: dpa

PaderbornEtwas ist anders an diesem Freitagabend im Hermann-Löns-Stadion in Paderborn. Es gibt eine Stimmung, die nur an kleinen Dingen zu erkennen ist. Die Zuschauer pfeifen, als die Gäste aus Hoffenheim angesagt werden, applaudieren aber höflich bei der Vorstellung der Schiedsrichter; die Pressetribüne ist trotz einer durchschnittlichen Zweitligapaarung voll besetzt. Auf eine eher unauffällige Figur richten sich die Augen aller. Sie ist 1,80 Meter groß und trägt blondes kurzes Haar. Man muss genau hinsehen, um zu erkennen, dass in der weit geschnittenen Schiedsrichterkluft eine Frau steckt. Bibiana Steinhaus tritt an, um als erste Schiedsrichterin in Deutschland ein Spiel in einer der beiden höchsten Ligen zu pfeifen.

Die 28-Jährige pfeift an. Dann läuft sie mit, hält Abstand, ihre Hand an der Pfeife, sobald ein Foul ein Durchgreifen verlangt. Fast unsichtbar leitet Steinhaus das Spiel, das fair bleiben wird vor 6700 eher ruhigen Zuschauern. Vor einer Woche war Steinhaus schon im umtosten Dortmunder Westfalenstadion im Einsatz. Als vierte Offizielle beruhigte sie beim 3:0-Sieg der Borussia den Bremer Trainer Thomas Schaaf an der Seitenlinie und hielt die Auswechseltafel hoch. Ansonsten blieb auch dort alles, wie es ihr am liebsten zu sein scheint: ruhig. Als Polizistin kennt Bibiana Steinhaus auch Großeinsätze der Polizei. Was anstrengender ist, mag sie nicht entscheiden. „Beides hat seine Herausforderungen“, sagt sie.

In Paderborn bleiben spannende Momente selten. Steinhaus agiert im Hintergrund, aber in entscheidenden Momenten greift sie durch. Als sie kurz vor der Halbzeit Gouiffe á Goufan nach einem Foul die Gelbe Karte zeigt, protestiert der Kameruner im Trikot des SC Paderborn. Steinhaus weist ihn energisch fort. Die heimischen Fans wollen sich weder auf seine noch auf ihre Seite schlagen. Nur die 20 Hoffenheimer Fans skandieren: „Steinhaus, Steinhaus!“

Ansonsten bleibt es bei Nickeligkeiten, wie man hier in Ostwestfalen sagt. „Frau Schiedsrichter, fünf Meter zurück den Ball“, will ein Zuschauer die Unparteiische bei einem Einwurf korrigieren. Doch Steinhaus lässt sich nicht auf Diskussionen ein. Das bekommt in der zweiten Halbzeit auch der Paderborner Benjamin Schüßler zu spüren. Er reklamiert so lange, bis er verwarnt wird. Ein Fan in der vorletzten Reihe schreit empört: „Die hat doch noch nie Fußball gespielt.“

Steinhaus überhört das. Aus der Regionalliga, in der sie sechs Jahre gepfiffen hat, ist sie sicher Schlimmeres gewohnt. Die Hannoveranerin hat bis 1995 Fußball gespielt, ehe sie Schiedsrichterin wurde. Sie war die Assistentin ihres Vaters an der Seitenlinie. Später wechselten sie die Rollen, er wurde ihr Assistent. „Heute“, sagt sie, „ist er mein größter Kritiker.“

Die Partie ist zu Ende, Hoffenheim hat 2:0 gewonnen. Ein Pulk von Journalisten und Kameraleuten wartet auf Bibi, wie sie einige schon nennen. Sie lässt sich Zeit. „Frauen müssen sich stundenlang schön machen“, scherzt ein Sicherheitsmann. Derweil stellen Trainer und Spieler Normalität zur Schau. „Egal ob Frau oder Mann – es gibt im Fußball Regeln, an die sich alle halten müssen“, sagt der Paderborner Thomas Kläsener. Er lobt die unauffällige Spielleitung. SC-Trainer Holger Fach reagiert ungehaltener: „Wieso sollte man über die Schiedsrichterin sprechen, nur weil sie eine Frau ist?“

Dann kommt sie aus der Kabine – eine silberne Pfeife hängt an ihrem Hals. Fragen nach ihrem Privatleben pariert sie mit einem lauten, vielleicht etwas zu langen Lachen. Die Aufmerksamkeit schmeichle ihr schon, sagt Bibiana Steinhaus. „Aber es fällt mir schwer, dieses große Interesse nachzuvollziehen.“ Ab jetzt wartet sie auf den Tag, an dem sie nicht mehr als etwas Besonderes gesehen wird.

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