Sport : Biblisches Comeback

Dara Torres schwimmt beim Weltcup in Berlin US-Rekord über 50 Meter Freistil – als Mutter und im Alter von 40 Jahren

Frank Bachner

Berlin - Die Wassertropfen klebten noch am Gesicht und auf dem Badeanzug von Dara Torres, sie wollte jetzt dringend zum Ausschwimmen. „Schnell bitte“, bat sie, noch leicht keuchend, „nur zwei, drei Fragen.“ Die Journalisten hatten einen Halbkreis gebildet, mit zwei Kameras dazwischen, ein Bollwerk. Torres war gerade 23,82 Sekunden geschwommen über 50 Meter Freistil, Platz zwei bedeutete das beim Weltcup in Berlin. Und neuen US-Rekord. „Es ist aufregend, zurück zu sein, ich freue mich, gegen die ganzen Stars antreten zu dürfen.“ Marleen Veldhuis, die Holländerin, hatte in Weltrekordzeit gewonnen, in 23,58 Sekunden, aber wen interessierte gestern Veldhuis?

Hier geht es um einen Traum. Um den Traum der Dara Torres von ihren fünften Olympischen Spielen. Um eine Frau, die Gesetze des Schwimmsports außer Kraft setzt. Als Dara Torres zum ersten Mal zurücktrat, sagte sie: „Es wird Zeit. Ich bin in einem biblischen Alter für Schwimmer. Da war Dara Torres 25. Jetzt ist sie 40. „Eigentlich“, sagt ihr Trainer Mike Lohberg, „ist die jenseits der Grenze.“

Aber sie legt die Grenze gerade neu fest. Ihren ersten Weltrekord schwamm sie mit 14, neun olympische Medaillen, darunter vier goldene, hat sie gewonnen, in den USA ist sie die bekannteste Schwimmerin. Nach ihrem ersten Rücktritt mit 25 kam sie wieder, nach den Olympischen Spielen 2000 folgte der zweite Rücktritt. Im Herbst 2006 kam sie erneut zurück. „Peking ist mein Traum“, sagt Torres. „Aber ich mache das nur für mich. Ich will beweisen, dass das geht.“

Dass Dara Torres von anderen als Schwimm-Oma und eine Art Weltwunder gefeiert wird, kann sie nicht ändern, „aber ich fördere das nicht“. Schließlich war sie in diese Geschichte eher gestolpert. Sie war doch bloß eine hochschwangere 39-Jährige, die wegen ihrer Bauchschmerzen nicht mehr ins Fitnesstudio konnte und stattdessen wieder in den Pool glitt. Aber sie war halt auch Dara Torres, die Legende vom Schwimmklub in Coral Springs. Dort arbeitet auch der Startrainer Lohberg, und sein Verein richtete ein großes Senioren-Schwimmfest aus. Lohberg brauchte für die Medien ein Zugpferd, er fragte Torres, ob sie nicht auch ins Wasser wolle. Ein PR-Gag. Die Geburt von Torres’ Tochter stand unmittelbar bevor.

Die 39-Jährige sagte trotzdem zu, schwamm drei Wochen später 50 Meter Freistil, und sie schwamm so gut, dass sie wieder motiviert war. Sie trainierte für die Senioren-WM drei Monate später. Sie gewann prompt über 50 Meter Freistil, und ihre Oldie-Konkurrenten bestürmten sie: „Du musst zu Olympia, du musst zeigen, dass man auch in unserem Alter noch gut ist.“ Torres sagte: „Mike, was meinst du?“ Warum nicht, antwortete Lohberg. Sie begann professionell zu trainieren, mit wenig Belastung und viel Ausdauereinheiten. „So einen Profi wie sie habe ich noch nie gesehen“, sagt Lohberg. Torres konzentriert sich auf eine kurze Strecke und dosiert ihr Training. Aber ist das Erklärung genug dafür, dass sie nach sechs Jahren Pause wieder vorne mitmischen kann? Schon um Torres’ erstes Comeback in Sydney gab es Doping-Gerüchte.

Auch die 24,53 Sekunden, in denen Torres im Sommer dieses Jahres die 50 Meter Freistil bei den US-Meisterschaften gewann, gaben Experten Anlass zur Verwunderung. Mit dieser Zeit wäre sie im März Weltmeisterin geworden. Doch die Fans auf den Rängen flippten aus, und die großen Zeitungen und Fernsehsender in den USA stürzten sich auf die Geschichte der Frau, die Gesetze des Leistungssports außer Kraft setzte. „Sollte sie sich für Peking qualifizieren, erreicht das Interesse neue Dimensionen. Dann werden noch mehr Anfragen kommen“, sagt Lohberg. Er wird sie ablehnen, das Training geht vor.

Torres benötigt auch keine neuen Sponsoren, sie hat schon drei. Die hat sie sich vor ihrer Mission gesichert, schließlich schätzt Lohberg, dass ihr Comeback rund 100 000 Dollar kostet. Allein der Name Torres zog schon.

Und wenn sie es schafft, wenn sie in Peking startet? Macht sie dann weiter? Lohberg überlegt sekundenlang. Dann sagt er: „Ich schließe nichts mehr aus.“

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