Sport : Bierdosen auf den Volkshelden

Thomas Roser

Der Traum von der Profi-Karriere in Europa schien für Emmanuel Olisadebe rasch als Albtraum zu enden. Zwei Monate lang tingelte der 18-Jährige durch Polen von Probetraining zu Probetraining. Nicht nur, weil der ersehnte Profivertrag zunächst ausblieb, sehnte sich der Nigerianer schon bald nach der Heimat. Als er sich das Spiel eines potenziellen Arbeitgebers anschauen wollte, warfen die Fans mit Bierdosen nach ihm. Das war im Frühjahr 1998.

Drei Jahre später ist Emmanuel Olisadebe ein Volksheld in Polen. Im Alleingang hat der im letzten Jahr eingebürgerte Stürmer die Nationalmannschaft zur ersten Teilnahme an einer Fußball-Weltmeisterschaft seit 1986 geschossen. Mit acht Treffern war er nach dem Ukrainer Andrej Schewtschenko der erfolgreichste Torschütze der WM-Qualifikation. Großkonzerne wie Pepsi und Puma haben in Polen ihre Werbekampagnen ganz auf den Torjäger von Panathinaikos Athen abgestimmt. Doch mit einem Interview in dem griechischen Monatsblatt "Max" hat der sonst eher einsilbige Mann nun die Fans in seiner polnischen Wahlheimat nachhaltig aufgeschreckt: Ungewohnt offen zog er gegen den Rassismus seiner neuen Landsleute vom Leder.

In Polen gebe es "keinen Respekt für schwarze Spieler", konstatiert der mit einer Polin verheiratete Olisadebe, der zwei Jahre lang für Polonia Warschau kickte: "Die Polen sind ein bisschen rassistisch. Ich weiß nicht, warum. Die Probleme, die ich dort hatte, habe ich hier in Griechenland nicht."

Immer hätten ihn die Leute in Polen auf der Straße genau im Auge behalten, "die alten Frauen hatten Angst, dass ich ihre Handtasche stehlen würde". Wenn er bereits in einem Aufzug gestanden habe, hätten sich manche Leute geweigert, diesen auch zu benutzen: "Wenn ich mit meiner Frau Beata spazieren ging, sagten die Leute: Was macht ein Schwarzer mit so einem schönen Mädchen?" Auch Juden seien in Polen schlecht angesehen, "aber im Gegensatz zu uns Schwarzen kann man sie auf der Straße nicht erkennen."

Bananenwürfe und Urwaldgeräusche, wie sie auch in Westeuropa noch bis weit in die Achtzigerjahre zum schlechten Stadionbrauch zählten, waren noch die harmloseren der rassistischen Anfeindungen, denen sich der beste Stürmer der Liga vor allem bei Auswärtsspielen ausgesetzt sah. Olisadebe sei in Polen durch eine "harte Schule" gegangen, bestätigt Nationaltrainer Jerzy Engel, der den Nigerianer einst als Manager von Polonia Warschau verpflichtet hatte: "Vor allem am Anfang war es genau so, wie er erzählt: Er wollte darum zunächst gar nicht bei Polonia bleiben." Viele Polen waren anfangs auch keineswegs begeistert von der Aussicht, ein Afrikaner solle das Nationaltrikot tragen. Nur 40 Prozent der Bevölkerung erklärten sich vor einem Jahr in Umfragen mit der Einbürgerung des treffsichersten Schützen einverstanden. Mit seinen Toren hat Olisadebe alle Kritiker verstummen lassen. "Oli - 100 Prozent Pole" - solche Spruchbänder waren zuletzt bei Spielen der Nationalmannschaft zu sehen.

Doch wie schwer es weniger bekannte Afrikaner im polnischen Fußball noch immer haben, musste an Olisadebes Hochzeitstag der Nigerianer Adeniyi Agbejule vom Drittligisten Hutna Warschau beim Spiel in Bialystok erfahren. Nach seinem zweiten Tor wurde der 20-Jährige noch auf dem Feld von Hooligans zusammengeschlagen. Wenige Monate zuvor war Agbejule gar von einem Schiedsrichter angepöbelt worden. Als er nach einem Foul am Boden liegen blieb, forderte ihn der Unparteiische zum Weiterspielen auf: "Steh auf - oder muss ich dir erst eine Banane geben?"

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