Sport : Biete Prominenz, suche Sendezeit

Daniel Pontzen[München]

Ernst Huberty war kaum zu beruhigen. „Ich bin nicht nur zufrieden, sondern sehr zufrieden“, jubelte die ergraute Moderationseminenz, nachdem Thomas Helmer Anfang der Woche erstmals durch die DSF-Sendung „Bundesliga aktuell“ geführt hatte. Helmer habe „ein hervorragendes Gefühl für seine Interview-Gäste“ und einen „trockenen Humor“, lobte Huberty. Vermutlich hätte er etwas Ähnliches auch nach einer völlig verkorksten Premiere sagen müssen – Helmer ist sein Schüler. Doch die Freude des Mentors war berechtigt. Thomas Helmer moderierte, wie er verteidigte: unaufgeregt und mit minimaler Fehlerquote.

Der ehemalige Nationalspieler ist eines der jüngsten Beispiele für ausgediente Sportprofis, die auf der Suche nach einem neuen Betätigungsfeld beim Fernsehen fündig geworden sind. Waren Karrieren wie die des ehemaligen Eiskunstläufers Rudi Cerne, der sich beim ZDF etabliert hat, früher die Ausnahme, versuchen inzwischen zahlreiche frühere Stars und Sternchen, ihr Gesicht auf dem Bildschirm zu platzieren. Das Deutsche Sport-Fernsehen tut sich dabei naturgemäß hervor. Im Frühjahr erhielt Boris Becker seine eigene Plauderstunde, und Ex-Fußball-Profi Anthony Baffoe darf in einer Fußball-Show für Jugendliche so jugendlich tun, als würde er demnächst 18. Die Öffentlich-Rechtlichen haben sich ebenfalls als Anlaufstelle für mitteilsame Sport-Ruheständler bewährt. Ski-Pensionär Tobias Barnerssoi arbeitet beim BR, Franziska Schenk und Kristin Otto tauschten Eis-Oval und Schwimmbecken gegen Jobs bei SWR und ZDF.

Doch warum kommen die journalistisch in aller Regel ungelernten Novizen so gut unter? Ganz einfach, sagt Professor Hans-Bernd Brosius vom Münchner Institut für Kommunikationswissenschaft: „Es ist ein symbiotisches Verhältnis: Der Ex-Sportler bietet Prominenz und damit Attraktivität für den Sender, der wiederum stellt ein Forum zur Verfügung und hebt so den Marktwert des Promis.“ Gegenseitiges Spenden von Relevanz hat Becker-Produzent Friedrich Küppersbusch das genannt. „Es sieht aus so aus, als gäbe es nur Gewinner“, sagt Brosius, „nur für den Zuschauer gilt das nicht immer.“

Auf Dauer reicht Prominenz allein nicht aus. „Letztlich möchten Fernsehzuschauer Kompetenz“, sagt Brosius. Das könnte demnächst auch Boris Becker zu spüren bekommen. Seine watteweichen Audienzen ziehen im Schnitt nur 220 000 Zuschauer an, was selbst für den Spartenkanal keine gute Quote ist. Wenn sich bis Weihnachten nichts bessert, heißt es beim Sender höflich, werde man sich zusammensetzen.

Nicht nur hierzulande zieht das Fernsehen ehemalige Sportgrößen an. In England versucht sich das einstige Sturmduo der Nationalelf im Fernsehjournalismus – mit unterschiedlichem Erfolg. Während sich Gary Lineker als Moderator ähnlich elegant durch die englische Variante der Sportschau schlängelt wie früher durch gegnerische Strafräume, hat John Barnes als Sport-Ansager bei Channel 5 wenig Zuspruch erfahren. Ähnlich erfolglos gestaltete sich John McEnroes Ausflug ins Fernsehen. Der Amerikaner, der zu seiner aktiven Zeit häufig einen rüden Ton im Umgang mit seinen Gesprächspartnern bevorzugte, bekam im Juli eine Talkshow auf CNBC. Auch McEnroe konnte besser Tennis spielen als plauschen. In einer Quoten-Rangliste von 834 Sendungen des US-Fernsehens landete er auf Platz 833, knapp vor der Sendung „Wie kocht man Wasser?“.

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