Big Four - Die US-Sport-Kolumne : Derrick Rose und das Warten auf fantastische Tage

Nach 18 Monaten Verletzungspause steht Derrick Rose wieder auf dem NBA-Parkett. Zu Saisonbeginn hat der einstige MVP noch mit Schwierigkeiten zu kämpfen - und mit hohen Erwartungen an seine Chicago Bulls.

David Digili
Derrick Rose (hier im Spiel gegen Miami) ist nach seiner langen Verletzungspause noch nicht wieder der alte Überflieger.
Derrick Rose (hier im Spiel gegen Miami) ist nach seiner langen Verletzungspause noch nicht wieder der alte Überflieger.Foto: Imago

Da war er wieder, dieser kaum zu verteidigende Zug zum Korb, der diesen Derrick Rose stets ausgezeichnet hat. Bei der 80:97-Niederlage der Chicago Bulls im NBA-Topspiel bei den weiter ungeschlagenen Indiana Pacers war es im dritten Viertel zugleich aber auch ein aktuell so symptomatischer Moment für den 25-Jährigen: Fast direkt auf den starken Korbleger und einen zusätzlich verwandelten Freiwurf zum zwischenzeitlichen 49:47 für Chicago leistete sich Rose einen unnötigen Ballverlust, später zogen die Pacers davon.

"Momentan doppeln mich unsere Gegner ständig mit großen Spielern, zwingen mich zu Pässen" erklärte der große Star nach der Partie. Nur jene drei seiner insgesamt 17 Zähler konnte Rose in der zweiten Halbzeit erzielen, dazu landeten nur sechs seiner 15 Würfe im Korb. Gäbe es derzeit einen Akteur in der NBA, mit dem man nicht tauschen möchte, es wäre der Aufbauspieler im roten Leibchen mit der Nummer eins.

Jeder Schritt der Werbe-Ikone, des einen Spielers der neben Liga-Grande LeBron James von den Miami Heat die Vermarktungsmaschinerie der größten Basketball-Liga der Welt antreibt, wird genauestens beobachtet. Es sind die ersten Schritte zurück auf der großen Bühne. Zuvor musste der offensiv so gefährliche Rose 18 Monate lang aussetzen - im April 2012 setzte ein Kreuzbandriss gleichermaßen den Mannschaftskapitän wie auch alle Titelträume der hoch eingeschätzten Bulls matt. Zeitweise gab es sogar Kritik an der als unverhältnismäßig lange empfundenen Pause.

"Es ist doch ganz klar, dass da noch nicht alle Bewegungsabläufe wieder da sein können, dass es auch im Zusammenspiel noch hakt", analysiert auch der renommierte TV-Kommentator Mike Breen, nachdem Rose die vergangene Saison komplett verpasst hatte. In Indiana leistete sich Rose vier Ballverluste, beim 104:107 gegen die Philadelphia 76ers wenige Tage zuvor waren es gar deren acht - seine Mitspieler kamen zusammen auf zehn. "Solche Spiele muss ich sofort abhaken", betonte Rose danach.

Fans erwarten Heldentaten

So muss sich auch Bulls-Trainer Tom Thibodeau alle Mühe geben, die hohen Erwartungen vorerst zu dämpfen. "Ich bin sehr zufrieden mit dem Charakter meiner Mannschaft", erklärte Thibodeau nach dem Spitzenspiel, der dritten Niederlage nach vier Saisonpartien. "Natürlich sind wir enttäuscht, aber wir wissen, dass wir uns steigern müssen." Der gedrungene 55-Jährige mit dem akkuraten Haarschnitt steht seit 2010 den Chicago Bulls vor. Er hat die Mannschaft zu einem Spitzenteam geformt.

Thibodeaus Wort hat Gewicht in der Basketballstadt Chicago. Wie wichtig eine mäßigende Stimme ist, wurde schon deutlich, als Rose in der Saisonvorbereitung erstmalig wieder auf dem Parkett stand und dann auch noch an alte Glanzleistungen anknüpfen könnte. Sofort stimmten die Bulls-Anhänger in den Hallen "MVP"-Rufe an - als jüngster Akteur der Liga-Historie gewann Rose bereits 2011 die Auszeichnung zum wertvollsten Spieler der Saison. Daran wird er heute gemessen.

Bei wohl keinem Spieler ist die emotionale Bindung zum Verein so groß: Rose ist in Chicago geboren, war schon an der High School eine Berühmtheit. Als die Bulls im Draft 2008 dann den Lokalhelden vom Memphis-College zurück in die Heimat holten, schien das Glück vollkommen. Die Stadt sehnt sich noch immer nach den Glanzzeiten der 90er, als Überspieler Michael Jordan das Team zu sechs Meisterschaften führte. Rose nun wird zugetraut, die überlebensgroßen Fußstapfen zumindest ansatzweise zu füllen.

"Keine Sorgen um Derrick"

2011 schafften es die Bulls ins Halbfinale, scheiterten dort an den Miami Heat. Nun soll alles noch besser werden, mit einem endlich wieder gesunden Heilsbringer Rose. "Jeder große Spieler dieser Liga hat mal schlechte Tage. Aber umso öfter hat Derrick bisher fantastische Tage für uns gehabt, und er wird sie auch wieder haben", ist Thibodeau bemüht, Last von den Schultern seines Vorzeigespielers zu nehmen. Auch Teamkollege Joakim Noah ist sich sicher: "Um Derrick müssen wir uns keine Sorgen machen."

Die Schonfrist allerdings kann nur von begrenzter Dauer sein: Der Kader gehört selbst mit einem angeschlagenen Rose zur gehobenen Klasse der Liga. Scottie Pippen, im kongenialen Duo mit Jordan Teil der legendären Meistermannschaften, bringt es auf den Punkt: "Ich erwarte von Rose eine herausragende Saison. Er wird allen beweisen wollen, dass seine Entscheidung zu dieser ausnehmend langen Pause die Richtige war." Aktuell wird ihm da niemand widersprechen.

 

David Digili arbeitet als freier Journalist. Er schreibt seit Jahren für die NBA als Blogger - und über die NBA als Fan und kritischer Beobachter.

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