Big Four - Die US-Sport-Kolumne : Ein bisschen wie der Tod

Steve Nash war ein Superstar in der NBA, jetzt kämpft der 40-Jährige nach etlichen Verletzungen gegen das drohende Ende seiner Karriere. Für die Dokumentation "The Finish Line" lässt sich der Kanadier dabei filmen - und gewährt tiefe Einblicke in die gequälte Seele eines alternden Sportlers.

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Strecken für die Karriere. Nash beim Einzeltraining mit seinem Physiotherapeuten.
Strecken für die Karriere. Nash beim Einzeltraining mit seinem Physiotherapeuten.Foto: Youube

Der Mann mit dem Kapuzenpulli zieht die Tür hinter sich zu und stopft die Hände in die Taschen, sein Hund zieht ihn hinaus in den diesigen Morgen. Aus dem Off hört man seine Stimme: „Am schwierigsten an dieser Situation ist das Gefühl, im Niemandsland zu stecken. In einem schwarzen Loch.“ Eigentlich sollte Steve Nash jetzt mit seiner Mannschaft unterwegs sein, die Los Angeles Lakers haben ihn zum Beginn der vorigen Saison als Chef auf dem Feld verpflichtet. Nash ist in der nordamerikanischen Basketball-Profiliga zweimal zum MVP gewählt worden, zum wertvollsten Spieler der Saison. Gemeinsam mit Trainer Mike D’Antoni, mit dem er gemeinsam bei den Phoenix Suns einst wunderschönen und spektakulären Basketball aufzog, sollte er den ruhmreichen Lakers mit seiner Erfahrung noch einmal zu neuem Glanz verhelfen. Dann verletzte sich Nash, nach einem Beinbruch trat ein mysteriöses Nervenleiden im Rücken auf, das den inzwischen 40-Jährigen am Spielen hindert. „Ich weiß nicht, ob es mir besser gehen wird. Irgendetwas bremst und blockiert mich. Ich weiß nicht, ob man es Zweifel nennen kann“, sagt Nash. „Ich denke darüber nach, ob es die Wahrheit ist – dass es mit mir vorbei ist.“

Für die Dokumentation „The Finish Line“, die auf dem US-Internetportal www.grantland.com und bei youtube veröffentlicht wird, hat sich Nash bei seinem Kampf gegen das Karriereende filmen lassen. Bislang sind drei Folgen erschienen. Nashs Kampf ist eigentlich nicht ungewöhnlich, viele alternde Sportler tun sich schwer damit, sich mit dem Niedergang ihres Körpers und dem näher rückenden Ende ihre Laufbahn abzufinden. Faszinierend an „The Finish Line“ ist, wie offen der Kanadier über seine Gedanken und Gefühle spricht. „Wenn ein Athlet seine Fähigkeiten verliert, verliert er einen großen Teil seiner selbst“, sagt er einmal. „Etwas, auf dem er sein Leben aufgebaut hat. Seine Bestimmung, sein Selbstvertrauen, seine Identität. Wenn die Fähigkeiten verschwinden, ist es ein bisschen wie der Tod.“

Steve Nash arbeitet hart daran, noch einmal zurückzukommen. Man sieht ihn beim Krafttraining, mit seinem persönlichen Physiotherapeuten, bei Dehnübungen am Strand. Man sieht auch, wie er Spritzen in den schmerzenden Rücken gejagt bekommt. Wenn die Lakers ein Heimspiel haben, fährt Nash in die Halle und quält sich allein im Kraftraum. Während er an seiner Fitness arbeitet, läuft die Partie auf einem Fernseher. „Das Spiel findet keine 30 Meter hinter mir statt“, sagt Nash. „Aber es fühlt sich an, als würde ich von Europa aus zuschauen. Wenn du eine Weile nicht gespielt hast und draußen bist, wirst du auf eine Art vergessen.“

Nash muss sich um das Vergessenwerden eigentlich keine Sorgen machen. Er war in den vergangenen Jahren ein Superstar, bekannt für seine uneigennützige Spielweise. Vielleicht tut es ihm deshalb so weh, dass ihm viele Lakers-Fans nun Gier vorwerfen. Dass sie sagen, er habe den Lakers für zwei verlorene Jahre 18 Millionen Dollar gestohlen. Nash steht auch in der kommenden Saison noch in L.A. unter Vertrag – und kassiert dafür ein Gehalt von 9,7 Millionen US-Dollar. Der Aufbauspieler gibt zu, dass das Geld eine Rolle spielt, spricht aber auch von seiner „Liebe zum Spiel“, die ihn nicht loslässt. Im Februar gibt Nash nach dreimonatiger Pause ein Comeback, nach zwei Spielen bricht die Verletzung wieder auf. Wahrscheinlich ist seine Saison beendet. Wie viele Folgen der Dokumentation noch gedreht werden, hängt auch davon ab, ob Nash aufgibt oder die Lakers einen Weg im Regel-Dschungel der NBA finden, um ihn und seinen teuren Vertrag loszuwerden. In der gerade veröffentlichen dritten und bislang letzten Folge der Serie zeichnet sich bereits ab, dass Nash den Kampf gegen seinen Körper aufgegeben hat.

Wer Steve Nash zu seiner Glanzzeit spielen gesehen hat, dem wird „The Finish Line“ auch ein wenig weh tun. Auch Nash selbst schmerzt es, wenn jüngere Mitspieler fragen: „Guckst Du Dir manchmal alte Videos von Dir an?“

Er weiß dann, was sie damit meinen.

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