Big Four – Die US-Sport-Kolumne : Jim Harbaugh: Das Ende des Kontrollfreaks

Seitdem Jim Harbaugh die San Francisco 49ers trainiert, zählt der Klub wieder zu den Titelanwärtern in der National Football League (NFL). Trotzdem droht dem charismatischen Coach nun der Rauswurf, spätestens am Saisonende soll er gehen. Ganz unschuldig ist Harbaugh daran nicht.

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Der Jürgen Klopp der NFL: Jim Harbaugh ist für seine Ausraster an der Seitenlinie berüchtigt.
Der Jürgen Klopp der NFL: Jim Harbaugh ist für seine Ausraster an der Seitenlinie berüchtigt.Foto: Imago

Wenn es gut läuft, geraten die kleinen Probleme des Alltags schnell mal zur Nebensache, sofern sie überhaupt Erwähnung finden. Das ist im Leben nicht anders als im Sport. Nun ist es für die San Francisco 49ers zuletzt sogar ziemlich gut gelaufen in der US-amerikanischen National Football League (NFL). Seitdem der Klub von Jim Harbaugh trainiert wird, hat sich die chronische Erfolglosigkeit verflüchtigt, die ihn beinahe zwei Jahrzehnte lang verfolgt hat. Das belegen auch die Statistiken: Nach Harbaughs Dienstantritt im Jahr 2011 haben die 49ers 40 Spiele gewonnen, 14 verloren und einmal Unentschieden gespielt (ja, auch das gibt es im American Football) – saisonübergreifend die zweitbeste Bilanz aller 32 NFL-Teams nach den New England Patriots. Zum Vergleich: Zwischen 2004 und 2010 erspielte San Francisco 39 Siege bei 73 Niederlagen. Nur vier Teams waren in dieser Zeit noch schlechter. Es steht nicht zur Diskussion, dass James Joseph, Spitzname: Jim, Harbaugh der Architekt dieses Erfolgs der 49ers ist. Trotzdem droht ihm nun der Rauswurf.

Was stimmt nicht mit den 49ers? Beziehungsweise: Was stimmt nicht mit Harbaugh?

Selbst wenn die 49ers in dieser Spielzeit den Super Bowl gewinnen sollten, muss sich der 50-Jährige nach übereinstimmenden Medienberichten spätestens am Saisonende einen neuen Arbeitgeber suchen. Das wiederum wirft zwei Fragen auf, nämlich: Was, bitteschön, stimmt nicht mit den Verantwortlichen des Traditionsklubs aus Kalifornien? Oder, aus der anderen Perspektive gefragt: Was stimmt nicht mit Jim Harbaugh?

Sportlich spricht so gut wie nichts gegen den Coach, in den letzten drei Spielzeiten hat er mit seinem Team in den Play-Offs immer mindestens das Halbfinale erreicht, 2013 schafften es die 49ers sogar bis ins Endspiel. In der 47. Auflage des Super Bowl unterlagen sie jedoch in einem denkwürdigen Spiel den Baltimore Ravens (31:34), die von Harbaughs älterem Bruder John trainiert wurden. Trotz der Niederlage herrschte seinerzeit Konsens darüber, dass die 49ers mit ihrem hochtalentierten Team noch den ein oder anderen Anlauf auf einen Meistertitel würden nehmen können. Im Moment deutet allerdings nicht mehr viel darauf hin, der Start in die Saison lief schleppend für die Kalifornier. Nach vier Siegen und drei Niederlagen in sieben Spielen gerät der Trainer immer mehr in die Kritik, wenngleich in Sachen Playoffs noch alles möglich ist. Zuletzt sind aber auch immer mehr Geschichten an die Öffentlichkeit gelangt, die den Schluss nahe legen, dass Harbaugh nicht nur der Architekt der 49ers ist, sondern auch ihr Diktator.

"Er hat uns behandelt, als wären wir noch irgendwelche College-Kids"

Harbaugh hat sich als fachlich erstklassiger, aber gleichwohl strenger College-Trainer einen Namen in den USA gemacht: Vor seiner Zeit in San Francisco formte er das in Sachen Football lange Zeit bedeutungslose Team vom Stanford-College zu einem der besten des Landes, was ihm schließlich auch den Job bei den 49ers einbrachte. In der NFL angekommen, setzte er seinen autoritären Stil konsequent fort. Musikhören bei Auswärtsreisen? Kartenspielen im Flugzeug? Streng untersagt! So lange die Resultate stimmten, sahen die Verantwortlichen des Klubs großzügig über die Ticks ihres charismatischen Coaches hinweg, jetzt fliegt Harbaugh der Laden um die Ohren, den er selbst aufgebaut hat. Randy Moss, einer der großen Wide Reciever der Geschichte der NFL und 2012 in seiner letzten Profisaison im Kader der 49ers, hat erst kürzlich berichtet, wie das so gelaufen ist unter Harbaugh. "Er hat uns Männer so behandelt als wären wir noch irgendwelche College-Kids in Stanford", sagte Moss. Und das Harbaugh ein Kontrollfreak sei, den es zur Weißglut bringt, wenn eine Entscheidung an seinem Schreibtisch vorbei getroffen wird. Das hat sich mittlerweile offenbar herumgesprochen.

So berichteten in der vergangenen Woche mehrere große US-Zeitungen, dass Harbaugh und sein Arbeitsstil ausschlaggebend dafür gewesen seien, dass sich Superstar-Quarterback Peyton Manning vor drei Jahren trotz der Aussicht auf einen weiteren NFL-Titel gegen einen Wechsel nach San Francisco entschieden habe. Manning wechselte stattdessen zu den Denver Broncos, in der vergangenen Woche brach er dort einen Rekord, der sehr schwer zu knacken sein wird: Mit 509 Touchdown-Pässen ist Manning nun der Spielmacher mit den meisten erfolgreichen Anspielen in die Endzone überhaupt. Pikanterweise stellte er den Rekord - man ahnt es bereits - im Spiel gegen Jim Harbaugh und die 49ers auf. Für Harbaughs Kritiker war das natürlich Musik in den Ohren.

Harbaughs Macken sind hinlänglich dokumentiert

Wenngleich die Entscheidung offenbar gefallen ist, gehen die Meinungen über seine Zukunft in San Francisco auseinander. Ein paar Fans hielten im letzten Heimspiel Plakate mit der Aufschrift "In Harbaugh we trust" in die Höhe. Cris Collinsworth, ehemaliger NFL-Spieler und heute als Fernsehexperte unterwegs, verteidigt Harbaugh ebenfalls. "Er hat dieses Team aufgebaut", sagt Collinsworth, "die Verantwortlichen können nicht ganz dicht sein, wenn sie ernsthaft darüber nachdenken, das Team jetzt auseinander zu reißen. Das hieße, dass sie keine Wertschätzung dafür haben, was er in den letzten Jahren geleistet hat."

Andererseits haben die 49ers offenbar genug gesehen und gehört von ihrem Coach, auch innerhalb des Teams soll es Widerstände gegen den Mann geben, dessen Ausraster hinlänglich dokumentiert sind. Vor zwei Jahren zettelte Harbaugh beinahe eine Massenprügelei auf dem Spielfeld an, nachdem er mit Jim Schwartz, dem damaligen Coach der Detroit Lions, aneinandergeraten war. Für die Fernsehmacher des Landes ist und bleibt Harbaugh nicht zuletzt wegen seiner extrovertierten Art ein beliebtes Motiv. Kürzlich hat eine Messung ergeben, dass Harbaugh der Coach ist, der während des Spiels am häufigsten von den Kameramännern eingefangen wird. Bis zu acht Spiele bleiben den Bildregisseuren noch, um sich darauf zu konzentrieren. Vielleicht auch ein paar weniger.

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