Big Four - Die US-Sport-Kolumne : NFL: Ab nach Europa?

Die US-Liga NFL will expandieren, in London soll sogar ein eigenes Football-Team entstehen. Es gibt aber noch Probleme.

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Im Anflug? Die NFL könnte bald in London ein Team installieren.
Im Anflug? Die NFL könnte bald in London ein Team installieren.Foto: REUTERS

Sogar die Nationalflagge ihres Königreichs haben sie für die Gäste aus Übersee getauscht. In Sachen Gastfreundlichkeit wollen sich die Briten schließlich nichts nachsagen lassen, als große Sportnation, die sie nun mal sind. Deshalb wehte der „Union Jack“ dieser Tage auf der Londoner Regent Street nicht wie gewohnt in hundertfacher, sondern nur in dutzendfacher Ausführung. Dafür wurde die Haupteinkaufsstraße im Westen der Metropole von anderen Fahnen geschmückt. Eigenwillig geformte Helme samt Gesichtsschutz waren auf ihnen zu sehen, und natürlich die Logos der beteiligten Klubs. Wem das noch immer nicht genügte als Indiz, musste nur auf die ganz große Fahne mit dem Logo schauen, um zu wissen, wer hier zu Gast war: die National Football League (NFL).

Die Spiele der NFL-Teams in London waren in diesem Jahr alle ausverkauft

Die umsatzstärkste Profisportliga dieses Planeten hat am Sonntag mal wieder in London vorbeigeschaut. Das Duell zwischen den Dallas Cowboys und den Jacksonville Jaguars im Rahmen der so genannten International Series war bereits das dritte reguläre Saisonspiel innerhalb weniger Wochen im Wembley-Stadion. Wie schon bei den Aufeinandertreffen der Oakland Raiders und der Miami Dolphins sowie der Atlanta Falcons und der Detroit Lions war die Arena mit mehr als 80 000 Zuschauern ausverkauft und die Stimmung prächtig. Auch die großen Tageszeitungen der Insel und deren Fernsehsender würdigten das Event an prominenten Stellen, wenngleich das Fußballgeschehen wie gewohnt den Großteil der Berichterstattung einnimmt. Darüber hinaus wurden überall in der Stadt, selbst in ziemlich abgelegenen Gegenden wie beispielsweise auf dem Flughafen Stansted eine Stunde nördlich des Zentrums, Menschen gesichtet, die sich qua Outfit als NFL-Sympathisanten offenbarten.

Seit 2007 waren regelmäßig NFL-Spiele in London ausgetragen

Die NFL, das lässt sich nach zwölf Pflichtspielen seit 2007 bilanzieren, ist angekommen in London. Bis die Neun-Millionen-Einwohner-Stadt ihr eigenes Team bekommt, dürften allerdings noch ein paar Jahre ins Land gehen. Diskutiert worden ist darüber in den letzten Jahren immer wieder, nicht zuletzt wegen der großen Resonanz für die Menschenschränke aus den Vereinigten Staaten. „Als wir mit Pflichtspielen in London angefangen haben, bin ich davon ausgegangen, dass es 15 Jahre dauern würde, bis die Stadt ihren eigenen Klub hat“, sagt Mark Waller. „Das ist ein Prozess, und wir sind ungefähr in der Mitte angekommen“, ergänzt der Engländer, der bei der NFL für internationale Strategien verantwortlich ist. 2022 ist derzeit als Starttermin der Londoner Franchise avisiert.

Bei aller Begeisterung – mancherorts wird bereits über den Namen des potenziellen Londoner Teams debattiert – sind bis dahin noch ein paar Probleme aus der Welt zu schaffen für die Liga, die Fans und die sportlich Beteiligten. Das geht mit der Logistik los. Bis nach London sind es 5600 Kilometer Fluglinie von der Ostküste der USA. Noch komplizierter wird es, wenn Teams von der Westküste in Europa ins Geschehen eingreifen: Allein die An- und Abreise nimmt zwei Tage in Anspruch für den gewaltigen Tross aus Trainern, Betreuern, Cheerleadern, PR-Beratern und natürlich den Sportlern selbst. Der Jetlag für das Auswärtsteam ist nicht zu unterschätzen und gilt als großer Wettbewerbsnachteil. Weil den in London tätigen US-Teams nach ihrem Europa-Ausflug schon jetzt eine spielfreie Woche gewährt wird, hätte ein dauerhaftes Team in London nicht absehbare Konsequenzen für den Spielplan.

Die Jacksonville Jaguars werden immer wieder als Umzugskandidat genannt

Zudem müsste sich eines der 32 NFL-Teams dazu bereit erklären, nach London umzuziehen. Im Moment kommen dafür vor allem die Jacksonville Jaguars in Frage, die am Sonntag in London gegen Dallas gespielt haben und auch in den nächsten beiden Jahren de facto im Wembleystadion gastieren werden. Daheim in Florida erfreuen sich die Jaguars keiner sonderlich großen Beliebtheit: Ihr Stadion ist selten ausverkauft, durchschnittlich gehen mehr Besucher zu den Spielen des populären College-Teams der Florida Gators als zum NFL-Klub. Darüber hinaus hat der Besitzer der Jaguars, Shahid Khan, mit dem käuflichen Erwerb des Fußball-Zweitligisten FC Fulham schon mal Fuß gefasst in England.

Das Wembley könnte eine reguläre Auslastung gut vertragen

Ein Verband würde den Umzug eines NFL-Teams nach London wahrscheinlich einheitlich durchwinken: die englische Football Association (FA), die noch immer Millionen zurückzahlt für das neu gebaute Nationalstadion. Die FA hat schon deshalb großes Interesse an einem US-Team, weil das Stadion im Moment keine dauerhafte Heimspielstätte für einen Klub ist, abgesehen von der englischen Fußball-Nationalmannschaft. Bis 2017, so ist es vertraglich fixiert, muss die englische Auswahl jedes Heimspiel in der Londoner Arena austragen. Wobei das mit der Auslastung zuletzt so eine Sache war: In den EM-Qualifikationsspielen gegen Norwegen und San Marino kamen durchschnittlich nicht mal 50 000 Zuschauer in das riesige Stadion – die schlechtesten Besucherzahlen seit der Wiedereröffnung vor sieben Jahren.

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