Big Four - Die US-Sport-Kolumne : Richard Sherman: Der studierte Gossenjunge

Kein Spieler der NFL polarisiert derzeit so stark wie Seattles Star-Verteidiger Richard Sherman. Der Cornerback der Seattle Seahawks dominiert auf dem Spielfeld  - und empört gleichzeitig mit seinem aggressiven Verhalten. Auch im Super Bowl könnte sich wieder alles um ihn drehen.

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Im Mittelpunkt: Seattles kontroverser Star-Verteidiger Richard Sherman. Foto: imago
Im Mittelpunkt: Seattles kontroverser Star-Verteidiger Richard Sherman.Foto: imago

Erin Andrews konnte einem Leid tun. Als langjährige Seitenlinienreporterin bei Football-Übertragungen im US-Fernsehen hat sie schon viel erlebt. Doch als sie unmittelbar nach dem NFC-Conference-Finale zwischen den Seattle Seahawks und den San Francisco 49ers am vergangenen Sonntag Seattles Cornerback Richard Sherman nach seiner Einschätzung zum Spiel fragte, wurde auch sie überrumpelt. 

Sherman hatte kurz zuvor mit einer herausragenden Defensiv-Aktion den finalen Pass auf 49ers-Receiver Michael Crabtree abgeblockt, damit das Spiel entschieden und die Super-Bowl-Teilnahme seines Teams gesichert - und schien dennoch nichts als Wut zu verspüren. So viel Wut, dass er seine Rolle als Footballspieler kurzzeitig mit der eines Gangster-Rappers oder Wrestling-Stars verwechselte: „Ich bin der beste Cornerback in diesem Sport“, brüllte er der sichtlich irritierten Blondine ins Mikrofon. „Das habt ihr davon, wenn ihr mir mit so einem armseligen Receiver wie Michael Crabtree kommt“, schrie Sherman weiter, jetzt direkt der Kamera zugewandt. „Rede nie wieder über mich!“  

Als Erin Andrews verschüchtert nachfragte,  wer genau nicht mehr über ihn reden solle, wiederholte Sherman: „Crabtree. Mach nicht deinen Mund auf und rede über den Besten, sonst lass ich dich ganz schnell verstummen."

Eben jener Michael Crabtree hatte es im Vorfeld des Spiels gewagt, auf die Frage, ob auch er Sherman für den besten Cornerback halte, mit "Nein" zu antworten.  Und Shermans Antwort, vorgetragen in Gestik und Tonfall eines Gossenjungen, schallte jetzt in all ihrer adrenalingeschwängerten Klarheit hinaus in die Wohnzimmer Amerikas.

Riesen-Aufregung und Rassismus-Debatte

Als Sportfan muss man in Zeiten von medientrainierten Musterprofis und weichgespülten Gähn-Interviews schon fast dankbar sein für derartige Ausfälle. Endlich mal wieder ein Spieler, über den man sich aufregen kann. Und zwar so richtig. In den sozialen Netzwerken hagelte es kritische und oft auch beleidigende Kommentare gegen Sherman und in den Sport-Medien des Landes wurde in den Tagen nach dem sportlich so ereignisvollen Halbfinal-Wochenende der NFL nichts so sehr thematisiert wie Shermans verbaler Amoklauf. Doch die Reaktionen in den USA gingen weit über über diese Ebene hinaus.

Der auf dem Feld so ungehobelte Verteidiger mit den Rastalocken spaltet die Fangemeinde. Und vielleicht sogar noch mehr als das: Auch das Thema Rassismus, ohnehin ein ständig schwelender Konfliktpunkt in der US-Gesellschaft, spielt eine entscheidende Rolle. Denn nicht wenige der kritischen Bemerkungen der letzten Tage ergingen sich in rassistischen Beschimpfungen. Dies wiederum verwendeten andere als Waffe, um dem vermeintlich rassistischen Mainstream-Amerika den Spiegel vorzuhalten. Sherman, der bedrohliche Schwarze, der vermeintliche Ghetto-Junge, der in aggressiver Gangster-Art dem weißen Amerika in seinen Fernsehsesseln einen ordentlichen Schrecken eingejagt hat. 

Die anderen Gesichter des Richard Sherman

Denn was bei vielen der Empörten übersehen wird, oder auch gar nicht bekannt ist: Seattles Nummer 25 auf dieses kurze TV-Interview im nationalen Rampenlicht zu reduzieren, greift viel zu kurz. Die Attitüde auf dem Spielfeld ist nur die eine Seite dieses in jeglicher Hinsicht außergewöhnlichen Sportlers. Die des aufgepumpten und überdrehten Footballspielers aus dem Ghetto. Doch es gibt noch einen anderen Richard Sherman.

Den Richard Sherman nämlich, der trotz seiner Herkunft aus dem Problemviertel Compton im Großraum Los Angeles stets als strebsamer und ehrbarer Mensch auftrat und nie mit dem Gesetz in Konflikt geriet. Der in seiner Schulzeit als einer der besten Dreispringer des Landes herausragte, hervorragende Noten erhielt und gleichzeitig noch seinen Mitschülern half, ebenfalls über gute Schulleistungen raus aus dem Armutsviertel zu kommen. Der von der Elite-Uni Stanford nicht nur angenommen wurde, sondern auch dort auf Anhieb als herausragender Student und Athlet überzeugte. Und der Richard Sherman schließlich, der sich mit gerade einmal 25 Jahren durch ein enorm hohes Maß an Intelligenz, Ehrgeiz und Akribie nicht nur zu einem der besten Verteidiger der National Football League gemausert hat, sondern bereits als Anführer und Mentor für seine Teamkameraden fungiert.

Auf dem Spielfeld ist er ein anderer

Es ist die Seite des eloquenten und gebildeten Richard Shermans, die jedoch im Umkleideraum bleibt und dem scheinbar verrückten, aggressiven und respektlosen Sherman Platz macht. Auf dem Spielfeld ist er im Kopf ein anderer, voll auf sein Spiel und den sportlichen Erfolg konzentriert. „In the Zone“, wie er selbst sagt, in seiner eigenen Welt. Dazu gehören dann neben seinem dominanten Verteidigungsspiel auch das berühmte Trash-Talking und das Anwenden sämtlicher Psychotricks zur mentalen Beeinflussung des Gegners.

Doch so viel Seattles Star-Verteidiger in den Sekunden nach dem bislang größten Triumph seiner Karriere daran gelegen haben mag, sich selbst zu produzieren, so sicher kann man sich jetzt sein, dass er sein Verhalten hinterher reflektiert und sich der Debatte auch stellt. In erster Linier wird er dieser Tage aber eines tun: sich mit voller Hingabe auf das nächste Spiel seines Lebens vorbereiten, den Super Bowl. Und die Augen aller Zuschauer werden nach seiner großspurigen Selbst-Zelebrierung mehr denn je auf ihn gerichtet sein.

Der Super Bowl als endgültige Bewährungsprobe

Es wird der ultimative Test für den selbsternannten besten Pass-Verhinderer der Liga, denn mit den Denver Broncos geht es für Seattles Defensive gegen eine der besten Pass-Offensiven aller Zeiten. Sherman wird vorbereitet sein. Es kommt durchaus vor, dass es gegnerische Quarterbacks vermeiden, in seine Nähe zu werfen. Ob auch Peyton Manning, der derzeit beste Quarterback der Liga, sich derart beeindrucken lassen wird? In etwas mehr als einer Woche werden wir Richard Sherman also wieder erleben, und zwar zunächst mal als das, was er vor allem anderen ist: der wohl beste Cornerback der Liga. Was er dann nach dem Spiel zum Besten geben wird, weiß niemand – er selbst wahrscheinlich auch nicht.

 

 

 

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