Sport : Bilanz-Doping

Italiens Fußball stolpert von Skandal zu Skandal

Vincenzo Delle Donne

Mailand. Seit Jahren schon warnen Kritiker, mit der glamourösen italienischen Fußballwelt könnte es schnell vorbei sein. Jetzt scheinen sie Recht zu bekommen. Der italienische Fußball wird vom schwersten Finanzskandal seiner Geschichte erschüttert – vom so genannten Bilanzdoping der Klubs. Am Donnerstag rückten landesweit Hundertschaften von Finanzpolizisten aus und nahmen Razzien bei allen Erst- und Zweitligaklubs vor. Daneben ordnete die Staatsanwaltschaft auch die Durchsuchung der Zentrale des Fußballverbandes in Rom und des Ligaausschusses in Mailand an. Die Klubs werden verdächtigt, die Bilanzen im großen Stile gefälscht und sowohl Steuern als auch Rentenversicherungsbeiträge hinterzogen zu haben. Auch der Verdacht von schwarzen Kassen und der Geldwäsche steht im Raum. Die Polizei beschlagnahmte tonnenweise verdächtige Dokumente.

Ausgelöst wurden die Durchsuchungen durch jüngste Äußerungen von Giuseppe Gazzoni Frascara. Der Präsident des AC Bologna hatte in der Halbzeitpause des Spiels seiner Mannschaft gegen den AS Rom gesagt: „Rom spielt gut. Aber wir zahlen dafür auch jährlich 14 Millionen Euro Steuern an den Staat.“ Die ausstehenden Steuerschulden des AS Rom würden jedoch 50 Millionen Euro betragen, ohne dass der Staat seine Forderungen einziehe, was eine Wettbewerbsverzerrung darstelle. Nach dem Spiel legte Frascara der römischen Justiz ein umfangreiches Dossier vor.

Dass Bilanzfälschung im italienischen Fußball im Spiel war, wird an Transfers von Spielern wie Hernan Crespo deutlich. Der Argentinier wechselte vor vier Jahren für die Rekordablöse von 55 Millionen Euro vom AC Parma zu Lazio Rom, weitere zwei Jahre später ging er für 35 Millionen zu Inter Mailand. In der Bilanz des Traditionsklubs wurde Crespos Wert allerdings mit 4 Millionen Euro angegeben. Die offizielle Ablöse für den FC Chelsea, bei dem Crespo seit dieser Saison spielt, betrug indes 24 Millionen Euro.

Die Ermittler sahen sich in ihrem Verdacht bestätigt, dass die Rekordablösesummen der letzten Jahre allesamt fingiert waren. Tatsächlich sollen die Ablösesummen künstlich aufgeblasen worden sein, um die riesigen Verluste der Klubs zu kaschieren. Ihr besonderes Augenmerk richten die Ermittler auf die Klubs AC Parma und Lazio Rom, deren Mehrheitsaktionäre Calisto Tanzi und Sergio Cragnotti nun im Gefängnis sitzen. Tanzi ist der Verantwortliche für die 13-Milliarden-Euro-Pleite von Parmalat, Cragnotti für die Prellung von Sparern bei der Cirio-Pleite. Im Vorjahr war es bereits zum Skandal wegen falscher Bankbürgschaften gekommen. Überschuldete Klubs wie AS Rom legten diese Bürgschaften vor, um die Lizenz für die laufende Spielzeit zu erhalten.

Ministerpäsident Silvio Berlusconi ließ unterdessen ungewohnte Sorgfalt in seinen Äußerungen walten. „Ich weiß nicht, was die Durchsuchungen ausgelöst hat, aber ich wünsche mir, dass die Umstände, die daraus hervorgehen, regelgerecht sind“, sagte Berlusconi, seit 16 Jahren auch Präsident des AC Mailand. Sein Intimus, der Ligaausschusspräsident Adriano Galliani, hatte den Staat zuvor indirekt zum Komplizen des Skandals gemacht. „Der Fußball führt viel Geld an den Staat ab“, sagte Galliani. „Man spricht zwar von unmoralisch hohen Bezügen der Spieler. Aber wir müssen daran denken, dass 46 Prozent dieser Bezüge in die Staatskassen fließen.“ So weit die Theorie. Die Praxis sieht, zum Beispiel bei AS Rom, anders aus.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben