Bilanz nach zehn Spielen : Anfang gut, alles gut?

Die Füchse Berlin sind sehr gut in die Saison gestartet, in der Bundesliga weisen sie 14:2 Punkte auf. Diese Statistik täuscht allerdings ein wenig über die Schwächen der Berliner hinweg.

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Luft nach oben. Iker Romero und seine Mannschaftskollegen haben noch Steigerungspotenzial - auch wenn sie gut in die neue Spielzeit gekommen sind.
Luft nach oben. Iker Romero und seine Mannschaftskollegen haben noch Steigerungspotenzial - auch wenn sie gut in die neue...Foto: dpa

Vielleicht war es tatsächlich nur ein Zufall. Selbst in torreichen Sportarten wie im Handball kommt es ja hin und wieder vor, dass die Anzeigetafel exakt dasselbe Ergebnis verkündet wie im Spiel vor einigen Tagen, Wochen oder Monaten. In diesem Fall: 23:34. So hoch hatten die Füchse Berlin zuletzt im April verloren, im Viertelfinal-Hinspiel der Champions League bei Ademar Leon. Mit dem gleichen Resultat im Gepäck kehrte der Berliner Bundesligist nun auch am Sonntag aus Spanien zurück. Gut, der Gegner war diesmal der achtmalige Champions-League-Sieger FC Barcelona, „da kann man schon mal verlieren“, sagt Rechtsaußen Markus Richwien. „Aber natürlich waren wir nicht zufrieden mit unserem Auftritt, wir haben im Kopf resigniert, wie gegen Leon – ein Déjàvu-Erlebnis.“ Das Ergebnis hatte also durchaus tiefere symbolische Bedeutung.
Mit recht einfachen Mitteln legte der spanische Rekordmeister die Schwachstellen der Berliner offen, die durch den guten Bundesliga-Start weitestgehend kaschiert werden. Zwar sagt Manager Bob Hanning: „Wenn mir vor der Saison jemand prognostiziert hätte, dass wir mit 14:2 Punkten starten, hätte ich das sofort unterschrieben.“ Wer Hanning kennt, der weiß jedoch, dass der Manager das Endresultat nicht als einzigen Bewertungsmaßstab nimmt, dass er die Partien sehr wohl kritisch reflektiert.


Genau wie die Spieler. „Noch greifen die einzelnen Rädchen nicht so ineinander wie am Ende der letzten Saison“, sagt Markus Richwien. „Die Abläufe sind noch nicht bei 100 Prozent, sondern vielleicht bei 80.“ Über diese Erkenntnis herrscht Einigkeit bei den Füchsen, dazu genügt ein Blick in die Stenografien der vergangenen Wochen. „Wir haben uns die Finger verbrannt“, sagte Hanning über das Remis gegen Melsungen Anfang September. „Wir haben einfach schlecht gespielt“, analysierte Linksaußen Ivan Nincevic trotz des 29:25-Sieges über Dinamo Minsk am Sonntag vor einer Woche. „Bei uns hat nicht viel geklappt“, stellte Trainer Dagur Sigurdsson am Mittwoch fest – nach einem knappen Heimsieg (27:26) über Balingen.


Der Ursprung der Unsicherheit liegt im Rückraum, also der kreativen Abteilung, von der Kreis- und Außenspieler wie Richwien naturgemäß abhängig sind. Abgesehen von Bartlomiej Jaszka suchen fast alle Werfer nach Form oder Fitness, das gilt besonders für die halbrechte Position. Den Verlust von Alexander Petersson, der zu den Rhein-Neckar Löwen gewechselt ist, haben die Berliner bislang nicht so einfach weggesteckt wie erhofft. Neuzugang Konstantin Igropulo deutete seine Klasse zumindest an, zuletzt fiel der Russe allerdings verletzt aus. Mark Bult, Igropulos Backup, ist das große Überraschungsei im Berliner Kader: An guten Tagen treibt der Niederländer sein Team fast im Alleingang zu guten Ergebnissen, so geschehen in der Schlussphase gegen den THW Kiel (26:26). An schlechten Tagen stellt er ein Sicherheitsrisiko für seinen ordnungsfanatischen Coach dar. Zwischen diesen Parametern gibt es nicht viel bei Bult. Und Börge Lund, der vor der Saison mit großen Erwartungen aus Mannheim nach Berlin kam, war bislang ebenso wenig ein Faktor wie Igropulo, nicht zuletzt wegen vieler kleinerer Verletzungen.


„Wir sind noch nicht am Maximum, das ist uns allen bewusst“, sagt Richwien, „aber da kommen wir wieder hin“. Zumal sich taktische Abläufe nur über Wiederholungen im Training und Drucksituationen im Spiel automatisieren lassen. Da trifft es sich, dass die Berliner vor einer englischen Woche stehen. Am Mittwoch treten sie in Großwallstadt an, am Sonntag im Europapokal im ungarischen Szeged und am Mittwoch dann daheim gegen die Kadetten Schaffhausen. „Mir ist es lieber, wenn wir noch nicht an der Leistungsgrenze spielen und trotzdem oft gewinnen. Das ist besser als andersrum“, sagt Markus Richwien. Das Spiel in Barcelona mögen die Füchse verloren haben, den Humor haben sie sich bewahrt. Christoph Dach

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