Bilanz : Sportler mit Schwächen

Robert Ide über das Sportjahr 2009 als Spiegel der Gesellschaft

Robert Ide

Ein Sarg im Stadion. Eine Siegerin vor Gericht. Eine Läuferin, die ein Läufer sein soll. Das waren große Ereignisse des Sportjahres 2009. Was hat das noch mit Sport zu tun?

Die plötzliche Massentrauer nach dem Selbstmord von Fußball-Nationaltorwart Robert Enke. Der bis aufs Blut geführte Dopingprozess der Eisschnelllauf-Olympiasiegerin Claudia Pechstein. Der bis heute nicht beendete Kampf um das Geschlecht der Leichtathletik-Weltmeisterin Caster Semenya. Diese Ereignisse und ihre weltweite Wirkung haben gezeigt, wie sehr Sport sich verändert hat, wie stark er sich weitet: Sport ist nicht mehr nur ein Teil der Gesellschaft (als gesunder Zeitvertreib und soziale Schule im Kleinen sowie als globaler Leistungsmesser und Unterhaltungsindustrie im Großen), sondern auch seine Folie. Die Gesellschaft kann sich im Sport wie in einem Spiegel sehen, und sie erkennt dabei nicht nur Sieger und Zeiten. Bei Athleten, die jeder glaubt zu kennen, wurden im vergehenden Jahr Antworten auf Fragen gesucht, die jeder glaubt nicht diskutieren zu dürfen.

Depression und Leistungsdruck. Betrug und Ausschluss. Eigene Identität und fremde Selbstbilder. Die Themen des Sportjahres wecken Gefühle, die viele Menschen privat erleben und für die sie sonst keinen öffentlichen Raum finden.

Weil Sport die Gesellschaft für jeden sichtbar spiegelt, hat das stille Leiden eines Fußballtorwarts, das selbst gewählt am Bahndamm endete, besonderen Nachhall finden können. Vielleicht kann das Echo dieses Todes sogar den Sport verändern. Vielleicht auch nicht, denn der Leistungsdruck erwächst auch stets aufs Neue aus den Erwartungen der Fans. Aber schon das Reden und Nachdenken über das offensichtlich gewordene Geheime haben viele als Befreiung empfunden.

Das nun beginnende Jahr wird vom Sport geprägt sein. Bei den Olympischen Winterspielen in Vancouver geht es um Medaillen, bei der Fußball-Weltmeisterschaft um den Titel, bei Michael Schumachers Comeback um Ruhm im Älterwerden. Bei möglichen Niederlagen nicht zu vergessen, dass Sportler auch Menschen sind mit Fehlern und Schwächen, das kann ein Erbe des Sportjahres 2009 sein.


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