Sport : Billard: Ein runder Lederpuff und blaue Kreide

Horst Bosetzky

Wenn ich mit meinem Vater als Junge durch die Berliner Straßen ging, kam garantiert die Frage: "Wem gehören die meisten Restaurants in Berlin?" - "???" - "Na, steht doch überall dran: Franz Billard." Als uns bald darauf Freund Herbert N. ein altes Viertelbillard schenkte, das man auf den runden Esstisch legen konnte, wurde bei uns im Wohnzimmer jeden Sonntag gespielt, obwohl ich als Junge nie begriffen habe, wie man das schreibt, was wie die Prachtstraße in Düsseldorf ausgesprochen wird. Vorn jedenfalls hat das Kö (richtig: Queue - die Red.) einen runden Lederpuff, die "Lederpomeranze", die immer wieder mit blauer Kreide eingerieben werden muss. Blau färben sich allerdings auch Hände, Hemden, Hosen, Tischtücher und sogar Gardinen, wenn man diese mit Hilfe des Billardstocks auf- und zugezogen hat. Mein alter Schulfreund Gert R. schaffte es sogar, beim sonntäglichen Spiel die Decke mit blauen Flecken zu verzieren, so niedrig waren diese in der Neuköllner Neubauwohnung ("Besser blaue Flecken an der Decke als bei dir am Körper"). Die Deckenverzierung war für meine Mutter ein Ärgernis, das andere bestand darin, dass man nach jeder Runde eine Handvoll Flusen vom Teppich auflesen konnte. Der oben erwähnte Herbert N. sagte übrigens nie Billard, sondern immer Stoßtisch, was anwesende Damen stets kichern ließ. Weniger gekichert hat mein Schulfreund Dieter R., der sich einmal in einem Ausflugslokal an der Woltersdorfer Schleuse weit übers Billard beugte, um einen Kunststoß zu verfolgen und dabei einen Vorderzahn verlor. Die Pokémon-Kids von heute mögen glauben, Bill Yard sei ein Held aus "Biggest Brother", das macht aber nichts, weil Wissen nur hinderlich ist, ein zweiter Zlatko zu werden.

An sich ist das klassische Billard ein einfaches Spiel: Man hat einen Spielball, den man mit dem Queue so treffen muss, dass er nacheinander die beiden anderen Bälle - a) den Ball des Gegners und b) den roten Ball - berührt, wobei die Reihenfolge beliebig ist. Stoßen zwei Bälle gegeneinander, so heißt das Karambolage und ist im Gegensatz zum Autofahren positiv besetzt, denn man kann sich einen Punkt gutschreiben und darf weitermachen. Unsereins ist froh, mit einer Aufnahme vielleicht drei, vier Punkte zu schaffen - aber auch nur, wenn die Bälle eng zusammenstehen, möglichst noch in einer Ecke. Da aber Weltklassespieler, wenn sie einmal angefangen haben, nie wieder aufhören würden, hat man die Sache für sie dadurch etwas schwieriger machen müssen, dass man den Tisch in verschiedene Felder (Cadres) einteilt, in denen jeweils nur eine Karambolage möglich ist, oder aber verlangt, dass der Spielball vor dem Zusammenprall mit dem letzten anderen Ball mindestens einmal (Einband) beziehungsweise dreimal die Bande berührt (Dreiband). Blutige Anfänger hingegen dürfen sich glücklich schätzen, wenigstens den Spielball zu treffen und nicht ins Tuch zu stoßen. Da wird der Spaß dann teuer und hört auf, einer zu sein. Wenn sie einmal vom Kunststoß lesen sollten, dann gehört das zwar auch zum Billard, ist aber eine andere Disziplin.

Die Königsdisziplin ist wohl das Dreiband, und der ungekrönte König der Billardspieler ist kein anderer als der Belgier Raymond Ceulemans, der x-mal Welt- und Europameister geworden ist. Wer ihm einmal zugesehen hat, der wurde sofort Anhänger der These, dass sich mit dem Geist sehr wohl Materie lenken lässt, denn wie sonst hätte sein Stoßball nach der ersten Karambolage endlos lange zwischen den Banden hin- und herlaufen können, um dann doch noch mit absoluter Sicherheit den zweiten Ball zu treffen. Doch nicht durch bloße Berechnung, vorab vorgenommen, Einfallwinkel gleich Ausfallwinkel, das konnte doch nur dadurch gelingen, dass Ceulemans ihn mit der Kraft seiner Blicke lenkte.

Kann sein, dass wir bisher aneinander vorbeigeredet haben, denn ich höre Sie sagen: "Bei Billard verstehe ich immer nur Loch beziehungsweise Pool." Richtig, denn "in" ist ja augenblicklich die amerikanische und damit leicht barbarische Unterart dieses Sports. Sechs Löcher (= Taschen) befinden sich in den Banden des Tisches, und in diese hat man die Bälle zu stoßen - zumeist in einer bestimmten Reihenfolge ("Besser Taschen im Billard als im Zahnfleisch"). Taschenbillard ist hingegen wieder etwas anderes ...

Aber lassen wir das und kommen gleich zur gehobenen Form des Poolbillards, dem Snooker, in aller Ausführlichkeit auf "Eurosport" zu sehen. Schalten Sie ein, es lohnt sich immer. Ich kann noch so auf- und überdreht sein: eine Viertelstunde Snooker und ich bin wieder ganz relaxed bis sanft entschlafen. Snooker ersetzt den besten Tranquilizer und hat keinerlei Nebenwirkungen - außer, dass man süchtig nach ihm wird. So kann man im Internet www.snookermania.de auch eine Menge über diesen Sport erfahren (mania = Wahnsinn, Sucht, Manie). Snooker ist also gleichermaßen beruhigend wie ungemein spannend und süchtig machend. Es in Gänze zu erklären, sprengt den Rahmen dieser Kolumne.

Apropos Rahmen - damit wären wir schon beim Wesentlichen, denn von den im Spiel befindlichen 22 Kugeln bzw. Bällen werden die 15 roten zu Beginn einer Partie an einem Ende des Tisches mit Hilfe eines Rahmens sauber ausgerichtet aufgebaut. Der weiße Spielball und sechs andere "nicht-rote" Kugeln fallen aus dem Rahmen, Unsinn: werden außerhalb desselben auf den Tisch gelegt, der mit seinen 3,60 x 1,80 m, so der Reporter Rolf Kalb, die Größe eines Kinderzimmers im sozialen Wohnungsbau aufweist. Da Rahmen auf Englisch frame heißt, ist frame auch die Bezeichnung für ein Spiel innerhalb eines Matches. Beim WM-Finale im April und Mai 2000 in Sheffield waren beim "Best of 35" sehr viele frames angesetzt.

Wer anfängt, dem fällt die Aufgabe zu, die roten Kugeln mit einem "split" erst einmal auseinanderzutreiben. Es geht dann - mit Ausnahme der Endphase - darum, mit seinem Spielball immer erst eine der 15 roten Kugeln zu versenken, was allerdings nur einen Punkt ergibt, und dann anschließend eine "farbige", das heißt: nicht-rote, wobei schwarz bevorzugt anvisiert wird. Nur rot - Farbe - rot - Farbe usw. ist erlaubt. Die versenkten farbigen Bälle - schwarz (7 Punkte), pink (6), blau (5), braun (4), grün (3) und gelb (2) - entscheiden also über Sieg und Niederlage. Sie werden vom Schiedsrichter immer wieder aus den Taschen gezogen und zurück auf den Tisch gelegt. Dies, damit sie nicht aneinander kleben bleiben, mit weißen Butlerhandschuhen. Das geht so lange, bis alle roten Bälle eingelocht sind, dann erst können und müssen die farbigen Bälle versenkt werden. Misslingt einem Spieler der Versuch oder versenkt er aus Versehen die weiße Kugel, ist der nächste an der Reihe und hat seine Einstiegschance.

Die theoretisch höchstmögliche Punktzahl beträgt damit 147, nämlich 15 x 8 (aus 7+1) = 120 plus die sechs farbigen Bälle am Schluss der Partie (2+3+4+5+6+7 Punkte = 27). Dieses Wissen verdanke ich nicht nur besagtem Fernsehsender, sondern auch dem rührigen "Berliner Snooker Verein", der mit seiner besten Mannschaft in der Ersten Bundesliga vertreten ist und sein Domizil in Kreuzberg hat, Lausitzer Straße 10 (0171/430 99 77).

Aber warum heißt das Ganze nun Snooker? Wer im Wörterbuch nachschaut, ist auch nicht viel schlauer: 1. snooker = Billardspiel. Denk mal einer an! Erst das, was unter 2. geschrieben steht, bringt uns weiter: to be snookered = in die Enge getrieben sein. Und das geht dann so: Sieht ein Spieler keine Chance, eine der auf dem Tisch verbliebenen roten Kugeln in eine Tasche zu befördern oder wenigstens zu touchieren und will er keinen Punktabzug riskieren (miss, foul), so versucht er, den Stoßball an der gegenüberliegenden Seite des Tisches so geschickt hinter der Barriere der braunen, grünen und gelben Kugeln zu verstecken, dass sein Gegner auf dem direkten Wege, das heißt ohne Bande, keine rote Kugel anspielen kann und Gefahr läuft, dadurch schon gewonnene Punkte wieder zu verlieren. So kommt dann, wenn der Spieler A schon mehr als die Hälfte aller möglichen Punkte auf seinem Konto hat, mit hundertprozentiger Wahrscheinlichkeit der Kommentar des Reporters, dass B nun schon snooker brauche, wenn er A noch besiegen wolle. Ein defensives Spiel (= safe) kann Ewigkeiten dauern, was die einen schlafend überbrücken, die anderen aber fiebern lässt.

Statt Aufnahme wie beim klassischen Billard sagt man beim Snooker "break", und wer da am meisten Punkte schafft, etwa 140, der bekommt einen stattlichen (nicht staatlichen) Extrabonus. Bei der WM 2000 waren das immerhin 20 000 Pfund. Der Weltmeister durfte 240 000 Pfund einsacken. Die Spitzenspieler, fast ausschließlich Briten, müssen sich also nicht unbedingt aufs Sozialamt begeben, wenn sie überleben wollen. Nehmen Sie sich Snooker-Götter wie Stephen Hendry, Ken Doherty, John Parrot oder Mark Williams als Vorbild.

Deutsche finden sich in den Annalen des Billardsports, einschließlich des Snookers, nur wenige und dann auch nur im Cadre 47/1 oder 71/2, so etwa Dieter Müller aus Berlin. Der Held meiner Jugend hieß August Tiedtke und kam aus Essen, wenn ich mich recht erinnere. Hierzulande hat das Billardspiel, ähnlich dem Dart, nie den Geruch loswerden können, ein Kneipenspiel zu sein, obwohl Heinrich Böll seinen Roman "Billard um halb zehn" 1959 in der Absicht geschrieben hat, dem Bildungsbürgertum diese Sportart nahe zu bringen. Warum sonst um 9.30 Uhr gerade Billard und nicht Dart, Golf oder Tontaubenschießen? Das muss schon seinen Grund gehabt haben. Aber Böll ist ja ein wenig aus der Mode gekommen und wird eigentlich nur noch Silvester so richtig gefeiert (siehe die Kampagne "Böll statt Böller").

Überhaupt ist kein Spiel existenzphilosophisch so wertvoll wie das Billard, denn sind wir nicht alle nur Spielbälle - Spielbälle der Mächtigen beziehungsweise des Allmächtigen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben