Sport : Bin ich gut?

Tennisprofi Julia Schruff kann die Frage nach ihrer Leistungsstärke noch nicht abschließend beantworten

Stefan Hermanns

Berlin - Barbara Rittner hat zuletzt einige freudige Kurznachrichten auf ihrem Mobiltelefon empfangen. Die Mitteilungen kamen von Julia Schruff, und meistens ging es darum, dass Schruff bei einem Tennisturnier gerade die Qualifikation oder die erste Runde überstanden hatte. Rittner, die Chefin des deutschen Fed-Cup-Teams, hat dann immer zurückgeschrieben: Sei jetzt bloß nicht zufrieden. „Ich wiederhole mich da schon“, sagt sie. Aber manchmal scheint es, als müsse Julia Schruff, 22 Jahre alt und Nummer 107 der Weltrangliste, erst lernen, dass ein Turnier nicht zwangsläufig nach der ersten Runde beendet ist.

Die Katar German Open in Berlin könnten diesen Erkenntnisprozess erheblich beschleunigt haben, auch wenn Schruff gestern 3:6, 2:6 gegen die Serbin Jelena Jankovic verlor. Immerhin war die Augsburgerin in die dritte Runde gekommen, als erste Deutsche seit 2001, als das One-Hit-Wonder Miriam Schnitzer erst im Viertelfinale scheiterte. Und bei Schruff, die nur dank einer Wildcard ins Hauptfeld gelangt war, gibt es Hoffnung, dass der Auftritt in Berlin nicht das Ende der Entwicklung ist. In ihrem Auftaktmatch schlug sie die 50 Plätze vor ihr liegende Tschechin Denisa Chladkova, in Runde zwei gelang ihr die größte Sensation des Turniers, als sie in drei Sätzen die French-Open-Siegerin Anastasia Myskina bezwang. „Das ist der beste Sieg meiner Karriere“, sagte Schruff, die in Berlin als erste Deutsche seit Steffi Graf vor neun Jahren wieder gegen eine Spielerin aus den Top Ten gewonnen hat.

Es lässt sich darüber streiten, ob Myskina, die Nummer sechs der Welt, das Spiel verloren oder ob Schruff es gewonnen hat. Die Russin fand nicht, „dass ich so schlecht gespielt habe“. Allerdings machte sie 42 leichte Fehler und brachte gerade die Hälfte ihrer ersten Aufschläge ins Spiel. Andererseits nutzte Schruff die Gelegenheit, die sich ihr gegen eine Gegnerin ohne Spielpraxis auf Sand bot. Zu Beginn des Matches gewann sie zwölf Punkte hintereinander. Nach 23 Minuten entschied sie den ersten Satz mit 6:2 für sich.

Die Frage nach der wahren Leistungsstärke der Julia Schruff ist aber auch in Berlin noch nicht abschließend beantwortet worden. Das Spiel gegen Myskina scheint ihr selbst erst gezeigt zu haben, wie gut sie eigentlich sein kann. Selbst auf dem Platz konnte sie ihr eigenes Erstaunen nur schwer unter Kontrolle halten: „Ich war so überrascht, dass ich den ersten Satz so klar gewonnen habe, dass ich ein bisschen unkonzentriert geworden bin.“ Schruff verlor den zweiten Satz 1:6, entschied dann jedoch den dritten mit 6:4 für sich. Gegen Jankovic, die Nummer 24 der Welt, erreichte sie nur zu Beginn des Matches das Niveau des Vortages. Schruff führte 3:1, verlor dann aber sechs Spiele hintereinander. Im zweiten Satz konnte sie kein einziges Mal ihren Aufschlag durchbringen. Nach zwei Dreisatzmatches „hatte ich keine Kraft mehr dagegenzuhalten“.

Trotz der Niederlage wertete sie das Turnier in Berlin als „richtigen Schritt in die richtige Richtung“. Statistisch gesehen ist Schruff zurzeit als Nummer 107 der Welt hinter Anna-Lena Grönefeld (49) und Marlene Weingärtner (69) nur die drittbeste deutsche Spielerin. Doch während Weingärtners Tendenz eher nach unten weist, zeigt sie bei Schruff nach oben. „Ich versuche schon seit einiger Zeit, diese Eins vorne weg zu bekommen“, sagte sie. Durch die beiden Siege in Berlin wird ihre Weltranglisten-Platzierung ab Montag endlich zweistellig sein. Langfristig hält sie einen Platz in den Top 30 für möglich.

Beim Fed-Cup-Spiel vor zwei Wochen gegen Indonesien durfte Schruff bereits das zweite Einzel bestreiten. „Da hat sie einen Sprung gemacht“, sagt Rittner. Die Augsburgerin will sich bei Turnieren künftig häufiger von Rittner coachen lassen. „Sie gibt mir gute Tipps.“ Vor allem scheint Rittners Optimismus auf sie abzustrahlen. In Berlin erfuhr sie, dass das Fed-Cup-Team in der nächsten Runde nicht wie erhofft zu Hause spielen darf, sondern in Kroatien antreten muss. Julia Schruff sagte: „Die hauen wir weg!“

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