Sport : Bis dass der Wind euch scheidet

Beim America’s Cup könnte das raue Wetter den Ausschlag für einen Sieg der Schweizer Yacht Alinghi geben

Ingo Petz[Valencia]

Valencia erlebt gerade das spannendste America’s Cup-Finale seit dem dramatischen 4:3-Sieg der Australier gegen die USA 1983. Nach vier Rennen steht es 2:2, Alinghi schaffte am Mittwoch den Ausgleich gegen Neuseeland. Auch der „technische Protest“, der von Neuseeland wegen einer vermeintlich nicht regelkonformen Aufhängung des Großsegels auf der Alinghi-Yacht nach dem Rennen eingereicht worden war, wurde gestern von der Jury abgewiesen. Das Finale wird also weiterhin auf dem Wasser entschieden.

Welche Erkenntnisse lassen sich aus den bisherigen vier Rennen für den Ausgang der Best of Nine-Serie gewinnen? Bei klassischen Match-Race-Bedingungen, also mittleren, kalkulierbaren Winden und nicht hohen Wellen, hat sich bis dato Alinghi durchgesetzt (Rennen 1 und 4). Das zweite Rennen ging an den Cup-Sieger von 1995 und 2000, weil er einen Fehler der Schweizer nutzte. Das dritte Rennen entschied der Wind.

Die künftigen Duelle wird wohl derjenige für sich entscheiden, der den besseren Start erwischt, die bessere Wind-Seite, wer am Renntag das präzisere Crew-Handling und „die bessere Tagesform“ aufweisen kann, wie es Neuseelands Taktiker Terry Hutchinson formulierte. „Wir haben bis jetzt gelernt, dass es nur kleine Unterschiede zwischen den Teams gibt“, sagte Steuermann Dean Barker nach der zweiten Niederlage gegen Alinghi. „Letzten Endes wird es davon abhängen, wer am Renntag besser segelt.“

Der kleinste Fehler beim Start oder während eines Manövers kann ein Rennen nun entscheiden, wie etwa im zweiten Duell, als Alinghi sich am Leetor für die falsche Boje entschied und damit einen sicheren Sieg aus der Hand gab. Zudem wird der Wind in den kommenden Tagen eine große Rolle spielen. Obwohl viele Experten wie etwa Alinghi-Skipper Brad Butterworth die Boote für ähnlich schnell halten, glauben einige, dass die SUI 100 der Schweizer einen kleinen Geschwindigkeitsvorteil habe. So wie Cup-Veteran Paul Cayard. „Die Neuseeländer sind im Moment die besseren Segler, die Schweizer scheinen einen kleinen Tick schneller.“ Das bestätigte auch Hutchinson. „Ich glaube, die Schweizer bevorzugen Wind von 14 Knoten mit kleinen Drehern. Das spielt ihnen in die Taschen.“ Wie der Segel-Experte Andy Rice urteilt, sind das genau die Winde, die für das heutige Rennen und jenes am Samstag vorhergesagt seien: „Valencia könnte sich nun den Bedingungen nähern, die Ernesto Bertarelli im Kopf hatte, als er Valencia zum Austragungsort erkor, und für die Rolf Vrolijk die SUI 100 entworfen hat.“ Die Neuseeländer müssen auf Fehler der Schweizer hoffen.

Nicht aber Alinghis Ausgleich war gestern am freien Tag das große Thema, sondern das dritte Rennen. Noch immer scheint die Cup-Welt fasziniert von der unerwarteten Wind- und Wellenschlacht.

Das ungewöhnliche, von Segel-Fans und dem Publikum weltweit bejubelte Duell erzeugt allerdings ein Missverständnis. Die Perfektionsregatta mit dem immensen High Tech-Anspruch ist auf Vorhersehbarkeit ausgerichtet, auf konstante Winde und eine vergleichsweise ruhige See. Das sind Bedingungen, unter denen der minimale Design- oder Segel-Vorteil ausgespielt werden kann und die genau das erlauben, was man in der Fachsprache Match Race und umgangssprachlich Segel-Schach nennt. Die Wind- und Wellen-Lotterie vor Valencia mag ja für das breite Publikum sehr interessant sein, für den Match Racer aber ist sie der blanke Horror.

Der America’s Cup live im Internet: www.segeln-im-fernsehen.de

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