Sport : Bis die goldene Kuh an der Lampe hängt

Wie Robert Hoyzer in den kriminellen Sumpf geraten sein könnte – der Versuch einer Rekonstruktion

Reinhold Erckens

Er ist 25. Er hatte glänzende Aufstiegschancen – die Zukunft vor sich. Er kommt aus gutem Hause. Wie gerät einer wie Robert Hoyzer auf die schiefe Bahn? Was könnte passiert sein, wie wahrscheinlich ist, dass Robert Hoyzer in einen kriminellen Sumpf geraten ist? Fakt ist nunmal, dass Berlin als Drehscheibe der organisierten Kriminalität (OK) gilt.

Laut einem Lagebericht des Bundeskriminalamtes (BKA) wurden im vergangenen Jahr nirgendwo sonst in Deutschland so viele Ermittlungen mit OK-Bezügen geführt wie in der Hauptstadt. Eine der Ursachen liegt in der kriminalgeographischen Lage Berlins als einer Schnittstelle zwischen Ost und West.

Oft sind es provozierte persönliche Fehltritte der jeweiligen Person, die so für kriminelle Personen oder Gruppen interessant werden. Das können lapidare Dinge sein. Laut polizeilichen Erkenntnissen ist das illegale Glücksspiel relativ eng verwoben mit Bereichen der OK – zum Beispiel im Nachtleben. Hier kommt es leicht zu Fehltritten, selbst von Personen, die eine gewisse Öffentlichkeit besitzen. Andererseits lassen sich leicht so genannte „Fallstricke“ für eine solche Person legen, heißt es aus Polizeikreisen. So können verfängliche Fotos oder Fakten über Drogensüchte oder andere Abhängigkeiten als Tatsache oder als gut gestreutes Gerücht als Drohmittel dienen. Der private Fehltritt, ob provoziert und unfreiwillig passiert, gilt als klassischer Einstieg, um bedroht oder erpressbar zu werden.

Die Polizei weiß nur zu gut, wie diesen Personen dann konkrete Folgen und Konsequenzen visualisiert – angedroht – werden, die weit in die private, persönliche oder gesellschaftliche Sphäre reichen. Der vermeintliche Ausweg: Die gelinkte oder ertappte Person erklärt sich zu bestimmten Diensten bereit, deren exakte Spielregeln andere vorgeben. Der Betroffene weiß nur, dass er die aufgezeigten Folgen, etwa die Zerrüttung der Familie oder das Ende der beruflichen Karriere, um jeden Preis vermeiden will. „Die Betroffenen sagen sich: Nur das nicht. Und sie entscheiden sich für die oft noch gefährlichere Alternative, deren Folgen sie nicht annähernd überblicken“, sagt ein Kenner aus der Polizeiszene, der nicht genannt werden will.

Dass es im Fall Hoyzer Mittäter oder Erpresser im Hintergrund gibt, gilt als sicher. Angeblich sollen ganz gezielt und quer über das Land Wetten auf bestimmte, von Hoyzer als Schiedsrichter geleitete Spiele platziert worden sein. Das ist für die Polizei nur ein Indiz dafür, dass hier nicht ein Einzelner gehandelt hat. Für diesen Fall wird nach den bisher bekannten Mustern auf das Opfer meist Druck ausgeübt. Es sind nicht nur Anrufe und bloße Drohungen. Es wird vielmehr systematisch und subtil Spannung aufgebaut. Oft beeinflussen sie die Wahrnehmung des Opfers, der unter dem Druck zusammenzubrechen droht.

Die Gruppe oder Bande im Hintergrund könnte einige Testballons gestartet haben, sagt ein Polizist. Sie könnte auf Spiele gesetzt haben, die Hoyzer manipulieren sollte. Nur mit kleinen Summen. Ein Insider der Berliner Szene sagt: „Als die Hintermänner die Verlässlichkeit erkannt haben, werden sie dem Opfer zu verstehen gegeben haben: So, jetzt wird es ernst.“ Erst dann komme das große Geld ins Spiel.

In seiner Not macht das Opfer nicht selten unüberlegte Dinge. Der Druck auf den Betroffenen wird so groß, dass er sich sagt: Das schaffe ich nicht mehr allein. So könnte es auch im Fall Hoyzer gewesen sein. Hoyzer soll einen seiner Berliner Schiedsrichterkollegen angerufen haben, um ihn für seine Zwecke zu gewinnen.

Nach dem Bekanntwerden der Manipulationsvorwürfe war Hoyzers erste Reaktion aus Sicht der Polizei zu verstehen. Im ersten Fernsehinterview gab Hoyzer sich kaltschnäuzig, stritt alle Schuld ab. Seine Taktik könnte gewesen sein, darauf zu spekulieren, dass seine Erpresser im Hintergrund schweigen würden. So ließe sich keine Verbindung zu der im Hintergrund operierende Bande herstellen. Diese Taktik hat aber nur dann einen Sinn, wenn sich der Betroffene sicher sein kann, dass nicht anderweitig – beispielsweise durch Geldflüsse – Zusammenhänge zur Tätergruppe hergestellt werden können. Vor diesem Hintergrund spricht das Einlenken Hoyzers aus Sicht der Polizei „für sich selbst“.

Es ist anzunehmen, dass sich schon zu diesem Zeitpunkt die Hintermänner die Taschen voll gestopft hatten. Hoyzer war als Quelle versiegt. „Die goldene Kuh hing an der Lampe“, wie es in der Szene heißt. Die mögliche Gruppe dahinter hielt die Füße still. Auf ihr Opfer weiter Druck auszuüben oder anderweitig zu schaden, wäre zu gefährlich. Das würde die Möglichkeit erhöhen, eine Spur zu legen und selbst ertappt zu werden. Bei den Summen, die im Umlauf gewesen sein sollen, die Rede ist von mehreren Millionen Euro, ist davon auszugehen, dass Hoyzer nicht nur mit Kleinstkriminellen zu tun gehabt hatte. Jetzt hat Hoyzer gestanden. Gleichzeitig will er sein Wissen in den Dienst der Ermittlungen stellen. Der Staatsanwaltschaft hat Hoyzer am Freitag umfassend Auskunft gegeben. Ein erstes Ergebnis davon war schon am Freitagabend zu beobachten: Da nahm die Polizei in Berlin vier Verdächtige fest.

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