Sport : Bis ins Detail gut

Was US Postal und CSC T-Mobile voraushaben

Sebastian Moll[Le Grand-Bornand]

Giancarlo Ferretti versteht die Welt nicht mehr. Der 62 Jahre alte Chef des Teams Fassa Bortolo arbeitet seit 40 Jahren im professionellen Radsport – seit 1975 als Sportlicher Leiter. Ferretti weiß, wie die Dinge laufen in der Szene. Jedenfalls dachte er das. Doch seit ein paar Jahren hat er lauter junge Kollegen um sich herum, die alles anders machen. Psychologie, moderne Trainingsmethodik, taktische Renngestaltung, Vernunft statt Gefühl: Der Generationswechsel hat bei den Teams der Tour de France längst begonnen. Taktik vom Typ Ferretti ist veraltet, die Teamleiter bei Armstrongs Mannschaft US Postal oder beim Team CSC vom Dänen Bjarne Riis haben ihre eigenen, neuen Methoden.

Der Erfolg gibt ihnen Recht: Armstrong wird die Tour wieder einmal gewinnen, Ivan Basso vom Team CSC hat beste Aussichten, Zweiter zu werden. Und T-Mobile? Die Mannschaft von Jan Ullrich und Andreas Klöden? Das Team T-Mobile sitzt beim Generationswechsel im Radsport ein wenig zwischen den Stühlen. Der junge Sportdirektor Mario Kummer arbeitet durchaus mit modernen Trainingsmethoden und taktischen Mitteln. Auch Manager Walter Godefroot, ein Generationsgenosse von Giancarlo Ferretti, ist durchaus neuer Methodik aufgeschlossen. Die Detailversessenheit eines Riis oder eines Johan Bruyneel, Leiter bei US Postal, scheint Walter Godefroot bisweilen jedoch etwas zu weit zu gehen.

Während beispielsweise CSC schon im Januar für das Mannschaftszeitfahren übt und Riis mit dem Fahrradausrüster an technischen Details dafür arbeitet, sagt Godefroot: „Was soll ich schon im Januar Zeitfahren trainieren, wenn ich da die Mannschaftsaufstellung noch nicht kenne.“ Bei CSC und Postal steht die Tour-Truppe weitgehend schon im Herbst fest. Bei T-Mobile wird erst drei Wochen vor der Tour über das Team entschieden. Schließlich war das früher auch nicht anders, sagt Godefroot.

Das mag stimmen. Nur, die Zeiten haben sich geändert. Vor allem auch dank Johan Bruyneel. Als der 1998 mit 34 Jahren das Team US Postal übernahm, steckte er voller Ideen. Als Radprofi hatte er sich immer wieder an den überkommenen Strukturen die Zähne ausgebissen, an Praktiken, die nur deshalb weitergeführt wurden, weil es eben schon immer so gemacht wurde. „Ich habe mir während meiner gesamten Karriere überlegt, wie man eine Tour de France richtig vorbereiten sollte“, sagt er. Die Chance bekam er jedoch erst, als Lance Armstrong ihn in sein Team holte.

Zu Bruyneels Neuerungen gehörte eine kompromisslose Ausrichtung des Teams auf die Tour. Es gehörte eine Mannschaft dazu, die aufeinander eingeschworen ist. Und es gehörte Detailversessenheit dazu, nichts wurde dem Zufall überlassen. Etappen schon im Frühjahr auszukundschaften war vor der Zeit des Johan Bruyneel bei den Teamleitern undenkbar. Seither machen es jedoch immer mehr Mannschaften bei der Tour de France, in diesem Jahr sogar erstmals T-Mobile.

Bjarne Riis ist ähnlich detailversessen wie Bruyneel. Nicht umsonst findet Bruyneel die Arbeit von Riis „sehr interessant“. Riis gestaltet die Räder seiner Fahrer selbst, er wertet die Computeraufzeichnungen jeder Trainingsfahrt aus und, wenn es sein muss, massiert der Däne seine Fahrer auch noch selbst. Wie bei Bruyneel steht der Team-Gedanke in der Arbeit von Riis im Vordergrund, weniger jedoch – wie bei US Postal – als Mannschaft, die einseitig auf einen Chef fixiert ist. Riis’ Mannschaft ist demokratischer strukturiert.

Der demokratische Gedanke ist nach Ansicht von Hans Michael Holczer, Chef beim Team Gerolsteiner, das, was vor allen Dingen eine moderne Mannschaft auszeichne: „Die klassische Struktur ist hierarchisch und auf den Kapitän bezogen.“ Er, Holczer, hingegen übertrage sowohl seinen Fahrern als auch seinen Angestellten ein Maximum an Eigenverantwortung, appelliere an ihre Vernunft und greife selbst nur regulierend ein. Eine solche moderne Struktur, sagt Holczer, weisen neben seinem Team Gerolsteiner und der Mannschaft CSC vor allem das Schweizer Team Phonak und die junge Truppe Brioches la Boulangere auf, die von Jean René Bernaudeau geführt wird. „Deshalb rennen uns die Fahrer ja auch die Tür ein“, sagt Holczer.

US Postal mit Armstrong an der Spitze ist hingegen hierarchisch, wie es traditionell Radsport-Teams sind. Von traditionellen Mannschaften unterscheidet sich das Team aber durch seine Innovationsfreude, durch die Bereitschaft, Dinge zu hinterfragen: Entscheidend für die Modernität einer Mannschaft, so Bruyneel, sei es, dass sie eine Idee, ein Programm habe. Und vor allem, dass die Fahrer daran glauben. Darin bestehe der Unterschied zwischen den neuen Teams wie seinem und den alten Marke Ferretti.

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