Sport : Bissige Revanche

Sabine Lisicki besiegt in Wimbledon Maria Scharapowa und trifft im Viertelfinale auf Angelique Kerber.

Petra Philippsen[London]
Endlich erlöst. Zum ersten Mal gewinnt die Berlinerin Sabine Lisicki gegen die Weltranglistenerste Maria Scharapowa. Foto: Reuters
Endlich erlöst. Zum ersten Mal gewinnt die Berlinerin Sabine Lisicki gegen die Weltranglistenerste Maria Scharapowa. Foto: ReutersFoto: REUTERS

Der Aufschlag, den Maria Scharapowa über die Netzkante feuerte, hätte wohl so manche Gegnerin zur Verzweiflung getrieben. Mit viel Glück hätte die ein oder andere Spielerin vielleicht noch den Rahmen des Schlägers hinter den Ball gebracht, mehr aber auch nicht. Doch Sabine Lisicki traf den Return nicht nur, sie donnerte ihn der Russin sogar so hart und schnell zurück ins Feld, dass Scharapowa das Gleichgewicht verlor. Lisicki schrie ein kämpferisches „Come on“ über Court No. 1, sie hatte im zweiten Satz das Break zum 2:0 geschafft. Sie war kurz vor dem Ziel. Vor einem Jahr war Scharapowa im Halbfinale von Wimbledon noch eine Nummer zu groß für sie gewesen, doch nun ließ sich Lisicki ihren ersten Sieg um keinen Preis mehr nehmen. Nach 84 Minuten Spielzeit hämmerte Lisicki ihren zweiten Aufschlag mit einem Ass frech durch die Mitte ins Feld und sank danach glücklich an der Grundlinie auf die Knie.

„Es ist einfach unglaublich. Ich weiß nicht, ob ich lachen oder vor Freude weinen soll“, sprudelte es nach dem eindrucksvollen 6:4 und 6:3-Sieg aus ihr heraus: „Das war die Revanche – für alle drei Matches zuvor.“ So oft war sie Scharapowa schon unterlegen, nun aber triumphierte Lisicki gegen die Weltranglistenerste und French-Open-Siegerin. Der Lohn ist ein Platz im Viertelfinale von Wimbledon. Und da auch Angelique Kerber mit der viermaligen Grand-Slam-Siegerin Kim Clijsters mit 6:1 und 6:1 kein Erbarmen kannte, wird dieses Match sogar in die Tennishistorie eingehen. Denn noch nie trafen in Wimbledon zwei deutsche Spielerinnen im Viertelfinale aufeinander. „Es wird ein ganz normales Match“, erklärte Lisicki knapp, doch dass die beiden nicht die dicksten Freundinnen sind, obwohl sie sich seit frühesten Juniorinnenzeiten kennen, ist ein offenes Geheimnis. „Wir sind keine Feindinnen“, stellte Kerber klar, „aber es wird ein interessantes Match, und die Chancen stehen 50:50. Das Tolle ist doch: Eine von uns ist im Halbfinale.“

Nur zu gerne möchte Sabine Lisicki ihren Lauf vom letzten Jahr an der Londoner Church Road wiederholen, der so etwas wie der Startschuss für ihren Angriff auf die Top-Ten-Ränge gewesen ist. „Ich liebe Wimbledon einfach, hier spiele ich am Besten“, schwärmte Lisicki nach der mit Abstand stärksten Leistung, die die 22 Jahre alte Berlinerin in den letzten Monaten gezeigt hatte. Vergessen schienen Verletzung und Formtief, die sie noch bis kurz vor dem Beginn des wichtigsten Turniers der Saison geplagt hatten.

Lisicki wirkte bissiger und energischer, Scharapowa unterliefen bei empfindlich kühlen Temperaturen und böigem Wind ungewöhnlich viele Fehler. Beide Spielerinnen sind in der Lage, die Bälle hart und flach über das Netz zu feuern, schließlich wurden beide unter dem strengen Regiment von Trainer-Guru Nick Bollettieri für das Tourleben geschliffen. Der impfte ihnen auch einen unbändigen Siegeswillen ein, doch gestern wollte Lisicki den Erfolg etwas mehr. Scharapowa fand nie zu ihrer Bestform, was auch dem aggressiven Angriffstennis ihrer Gegnerin geschuldet war. Eine 40-minütige Regenunterbrechung brachte die Führende in der Weltrangliste dann ganz aus dem Konzept. Lisicki erkannte die Chance – und nutzte sie. „Als Nadal ausschied, hat man doch gesehen, dass alles möglich ist, wenn man es will“, sagte sie nach dem Match.

Dennoch geht Kerber als Favoritin in das Prestige-Duell. Die Weltranglistenachte düpierte ihr großes Idol Kim Clijsters – die allerdings nicht austrainiert wirkte – und untermauerte ihre konstant guten Leistungen der letzten Monate mit ihrem 44. Sieg der Saison. Keine Spielerin der WTA-Tour hat mehr als sie. Seit ihrem Halbfinaleinzug bei den US Open im letzten Herbst zeigt Kerbers Formkurve steil nach oben: „Nach New York dachten alle, das war jetzt ein gutes Turnier und mal sehen, was die Kerber danach macht. Aber ich habe immer an mich geglaubt.“ Gegen Lisicki liegt sie mit 4:0 Siegen vorne. „Das ist egal, es wird ein ganz anderes Match“, sagte Kerber. „Die Bessere von uns wird gewinnen.“

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