• Bittere Konsequenzen für Leverkusen - der finanzielle Schaden schmerzt weniger als die möglichen Folgen in der Mannschaft

Sport : Bittere Konsequenzen für Leverkusen - der finanzielle Schaden schmerzt weniger als die möglichen Folgen in der Mannschaft

Martin Hägele

Nichts passte mehr. Bevor die letzten Anhänger von Bayer Leverkusen die Bay-Arena verließen, stimmten sie einen Song an, den man aus vielen Bundesliga-Stadien kennt: "Wir holen den Uefa-Cup, und wir werden Deutscher Meister." Was wie Trost klingen sollte, drückte in Wirklichkeit die reine Verzweiflung aus. Noch nie hat der Spruch von Franz Beckenbauer, dem man das damals als die Arroganz eines schnöseligen Bayern-Präsidenten ausgelegt hatte, mehr Bedeutung gehabt als an diesem schwarzen Dienstagabend der Bundesliga: "Der Uefa-Cup ist der Europapokal für die Verlierer", hatte er gelästert. "Jetzt stehen wir mit leeren Händen da", sagte Bayer-Manager Rainer Calmund nach dem 0:0 gegen NK Maribor.

Es wird nicht nur einige Tage oder ein paar Wochen dauern, bis der Schaden repariert ist, den dieser unnötige Abschied aus der Champions League mit sich bringt. Es sind weniger die zehn Millionen Mark, welche die zweite Gruppenrunde der Europaliga garantiert hätte. Weil gegen den Slowenischen Meister Maribor, bei bestem Willen allenfalls ein zweitklassiges Team nach kontinentalen Ansprüchen, nicht ein einziges Törchen fallen wollte, bricht nun eine ganz große Leere aus unterm Bayer-Kreuz. Wie hart das Aus den vermeintlichen Liga-Protagonisten getroffen hat, das ließ sich aus der Reaktion der Bayer-Macher ablesen. Wenn Trainer Christoph Daum nicht mehr reden kann, wenn der kreative und an schlechten Tagen immer noch ironische Analyst Calmund nur noch Schlagworte ("Das Ergebnis von Kiew wird jetzt erst recht zum Horror") spuckt, lässt sich die Wirkung erahnen.

In ihren eigenen Vorstellungen gehört die einstige Betriebsmannschaft des Weltkonzerns nun zu einem selbstständig und nach höchsten Ansprüchen wirtschaftenden Fußball-Unternehmen. Dass sie mit Gruppensieger Lazio Rom, dem Favoriten des Wettbewerbs, zwei Mal mitgehalten haben und dabei sogar optische Vorteile besaßen, verstärkt noch die sportlichen Visionen. Und wenn es in diesem Spiel Noten für die bessere Kür geben würde, hätten Emerson und Co. diese Wertung um Längen gegen Dynamo Kiew und NK Maribor gewonnen.

Andererseits wird im Champions-League-Betrieb knallhart kalkuliert und bilanziert. Unterm Schlussstrich der Gruppe A steht nach sechs Partien nur ein Sieg in Maribor, nicht einmal ein einziger Heimerfolg. Und fragen lassen muss sich das Sport-Management auch, warum das Offensivsystem fast ausschließlich nach Ulf Kirsten ausgerichtet ist. Wegen dreier Gelber Karten stand der wohl gefährlichste Strafraumspieler der Bundesliga seine Sperre auf der Tribüne ab. Ihm haben sie zu Recht nachgetrauert bei den zahlreichen Torchancen. Vielleicht denken sie jetzt darüber nach, dass ein international durchschlagkräftiger Angriff nicht nur Techniker, Dribbler und Akrobaten verlangt und mehr als nur einen rustikalen, auch mal rabiaten Torjäger und Kopfball-Experten. Einen wie den langen Holländer Eric Meijer oder den eingedeutschten Brasilianer Paulo Rink hätte das Bayer-Team gegen Maribor dringend gebraucht. Zu spät.

In ihrer schmucken, kleinen Welt sind sie nun an deren Grenzen gestoßen. Das spürten sie, deshalb diese Depression. Schon bald wird die Emerson-Diskussion wieder losgehen. Und wie man mit den 50 oder 60 Millionen Mark aus jenem Transfer der Mannschaft das nächste Mal ein neues Gesicht gibt. Im Kampf um den Kapitän der brasilianischen Nationalmannschaft hat dessen Arbeitgeber am Dienstagabend sein bestes Argument verloren: die Perspektive in der Champions League. Stars wie Emerson müssen in den feinsten Fußball-Schaufenstern zu sehen sein, nicht irgendwo im Hinterhof oder in Seitenstraßen. Ähnlich gilt das für Trainer Christoph Daum. Die Spekulationen, wonach der 46-Jährige zu Real Madrid wechseln oder nach Erich Ribbeck beim DFB neu aufbauen werde, haben jetzt erst recht Nährboden bekommen.

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