Sport : Bizarrer, alberner - aber doch schön

Heute wissen wir, dass es die Haushälterin war, die die Sache vermasselt hatte. Was mailt sie auch mitten in eine Etappe der Tour de France ihren Chef Jan Ullrich auf dem Handy an? Nur weil sie die Putzlappen nicht findet! Die Folgen sind bekannt, waren gut sichtbar, lange bevor der Werbespot mit Ullrichs Putze über die Bildschirme flimmerte: Der Radprofi - immer noch hetzte er tapfer und mit großem Kampfgeist dem führenden Amerikaner Lance Armstrong hinterher - kriegte die Kurve nicht mehr, fuhr geradeaus, rutschte ins Gebüsch und purzelte bildschön, aber kopfüber vom Sattel. Der Grund, so schmunzelte der Spot mit gehöriger Selbstironie: Ullrich war irritiert vom Piepton seines Handys. Na, ja, die Tour war auch in der Realität schon verloren an den übermächtigen Amerikaner.

Zum Thema Jahresrücklick 2001: Bewegende Bilder eines außergewöhnlichen Jahres
Sport ist Markt, das ist keine Erkenntnis des abgelaufenen Jahres. Sport ist Wirtschaft, und das einzige, was das Jahr 2001 diesbezüglich vielleicht von seinen Vorgängern unterscheidet, ist, dass so manches, was im Rahmen des Sports und der Sportler zur Vermarktung taugte, in diesem Jahr besonders bizarr, krass, albern, überflüssig war. Eine kleine Auswahl der Dinge, die es zum Event gebracht haben? Boris Becker natürlich, der Star der Sport-Society, der Anfang des Jahres erst mit seiner Scheidung überraschte, dann mit Anna Ermakowa nervte, die er anlässlich eines Wimbledon-Turniers in einer Besenkammer ..., aber lassen wir das.

Desweiteren piesackte Christoph Daum das Gemüt. Erst gegen Ende des Jahres konnte ihm im Koblenzer Gerichtssaal klargemacht werden, dass auch für ihn das Strafgesetzbuch gilt. Am 12. Januar hatte sich der verhinderte Bundestrainer auf einer Pressekonferenz in Köln noch mehr den Gesetzen des Klamauks verpflichtet gefühlt, als er launig und flapsig den zuvor mit "einem absolut reinen Gewissen" abgestrittenen Kokainkonsum zugab. Stefan Raab war übrigens auch da bei dieser Veranstaltung. So war es auch und Daum damals noch in seinem Element.

Wen hatten wir noch im immer weiter werdenden Feld des unsportiven Sportes? Jaden Gil, den Sohn von Steffi Graf und Andre Agassi, der seit seiner Geburt am 29. Oktober schon mehr Blätter zum Rauschen gebracht hat als manches Sportergebnis - allein schon des Namens wegen, der ganze Heerscharen von Kommentatoren ratlos und entsetzt zurückließ. Der "Süddeutschen Zeitung" verdanken wir die finale lexikalische Aufklärung: "Jaden", hebräischer Ursprung (Gott hat erhöhrt), "Gil" Kurzform von Gilbert, germanischer Ursprung (durch seinen Edelmut berühmt).

Anna, Rosi und sonstiger Blödsinn

Was das alles mit Sport zu tun hat? Nichts, natürlich - im herkömmlichen Sinne. Im neuzeitlichen Gebrauch allerdings viel. Im neuzeitlichen Sinne erfreut sich auch eine arg bescheiden begabte Tennisspielerin wie Anna Kournikowa größter Beliebtheit. So groß, dass "Anna Kournikova.jpg.vbs" im Februar weltweit ungezählte Computerdateien killte. Der Virus mit diesem Namen wurde massenhaft angeklickt, nicht auf der Suche nach Tipps für eine gelungene Rückhand, sondern nach erotischen Fotos der viven Blondine.

Und so ließe sich fortfahren mit all dem Blödsinn, dem der Sport als Unterhaltungssegment unterworfen ist. Das Ende des Unsinns? Noch nicht in Sicht, auch wenn es Edmund Stoiber, Aufsichtsratschef des FC Bayern München und Ministerpräsident des Freitaates, mit dem Ende der Spaßgesellschaft nach dem 11. September propagierte. Gut zwei Monate später meldete sich zur Freude des Boulevards Rosi zu Wort, Teilzeitgeliebte des Münchner Trainers Ottmar Hitzfeld ... Auch sah der europäische Fußball-Verband Uefa am Tag nach den fürchterlichen Anschlägen von New York keinen Grund, mit dem Spaß auszusetzen, und ließ munter die lukrative Champions League weiterspielen.

Dem Ottmar Hitzfeld hat Rosi im Weiteren vermutlich weder geschadet noch geholfen, als es darum ging, den Titel der Champions League und den des Deutschen Meisters mit seinem FC Bayern zu erringen. Wie es ja auch nicht irgendwelche Teppichluder waren, die Lothar Matthäus im vergangenen Jahr um einen Großteil seines Rufes brachten. Das hat der schon selbst besorgt, als dürftig erfolgreicher Coach von Rapid Wien. Dass ihm ein Herr Hossam Hassan am 9. Januar im Dress der ägyptischen Fußball-Nationalmannschaft auch noch den Titel des Weltrekordlers an Länderspielen abnahm, dafür aber konnte Matthäus nichts, ist aber zusätzlich gemein.

Aber nochmal zurück zu Hitzfeld und seine Mannen, weil das ja fernab von jeglichem Kokolores große Momente des Sportes waren. Vielleicht weniger am 23. Mai. Da holten sich die Bayern im Elfmeterschießen gegen den FC Valencia zum ersten Mal seit 1976 den Europapokal der Landesmeister, ein durchaus stimmiges Resultat der Erfolgskalkulation und für die Anhänger der Bayern gewiss auch erhebend. Aber von denen ist Fußball-Deutschland ja nicht gerade voll - und für all die anderen werden zu großen Momenten des Sports, die Sekunden, in denen sie knapp scheitern. Schalke 04 und seiner Gemeinde erging es so, als sie sich für vier Minuten im Himmel wähnten, eher der Schwede Andersson in Hamburg seine Bayern doch noch zum Meister kürte. Dass es ein ehemaliger Schalker war, dessen Fehler im Tor der Hamburger den Bayern erst die Chance zum Tor ermöglichte, machte die Sache nicht erträglicher. Am Ende blieb unter all den Tränen die Erkenntnis, dass es nicht die schlechteste Erfahrung ist im Leben, das Verlieren zu lernen. Schalke 04, der Meister der Herzen, so ehrte die "Bild" die Gelsenkirchener, ein vielleicht etwas schwülstiger Titel, aber im Kern trifft er zu.

Lehrreiche Niederlagen

Nicht schön, nein, wahrlich nicht schön, aber vielleicht lehrreich, war eine andere Niederlage, die der deutsche Fußball im abgelaufenen Jahr hat hinnehmen müssen. Nur musste sie mit 1:5 gleich derartig saftig ausfallen? Gegen England? Zu Hause im Münchner Olympiastadion? Gewarnt hatten vorher genug, dass all das merkantile Getue um den Fußball allein noch kein Tor bringt, eine eigene Initiative - Pro 15.30 - musste zum Beispiel gegründet werden, damit die Ausverkäufer der Bundesliga sich nicht auch noch an den letzten Riten vergehen. Genutzt haben alle Warnungen nicht, da mussten erst die Engländer kommen. Immerhin, es klappte dann doch noch gegen die Ukraine und nun fahren wir zur WM 2002 nach Asien. Und Holland nicht. Ätsch.

Große Momente des Sports, es hat sie auch 2001 gegeben, zweifellos. Der Zweikampf des Polen Adam Malysz mit Martin Schmitt um die beherrschende Position im Skispringen zum Beispiel und Schmitts grandioser Auftritt mit zwei Goldmedaillen und je einer silbernen und bronzenen bei der Skiflug-Weltmeisterschaft im Februar in Lahti. Oder der Weltrekord des Pragers Roman Sebrle im Zehnkampf: 9026 Punkte erreichte er im Mai in Götzis/Österreich, 9000 Punkte, das galt seitdem als unerreichbar. Gerald Asamoahs Debüt in der deutschen Fußball-Nationalmannschaft, seitdem fällt es den Rassisten auf den Tribünen schwerer, ihren Hass zu blöken. Goran Ivanisevics bewunderswertes Comeback als Ungesetzter und als Sieger beim Tennisturnier von Wimbledon. Erik Zabel, der Radsprinter, mit seinen Etappensiegen bei der Tour de France, Michael Schumacher, der Weltmeister im Ferrari, der Hochspringer Martin Buß, der bei der Weltmeisterschaft in Edmonton im August höher sprang als alle anderen, Lars Riedel, der bei derselben Veranstaltung den Diskus weiter schleuderte als die anderen, die deutschen Basketballer und ihr bis ins Halbfinale führender bemerkenswerter Auftritt bei der Europameisterschaft in Istanbul, schließlich die Schwimmerin Hannah Stockbauer, die in Fukuoka bei den Weltmeisterschaften mit ihren beiden Siegen über 800 und 1500 Metern den Ruf der deutschen Schwimmer als bleierne Enten und Erpel korrigierte - doch, doch, es gab auch 2001 viel Strahlen im Wettstreit.

Der Geldwert des Sports

Nur - oder täuscht das? - geraten die rein sportlichen Belange immer schneller in Vergessenheit. Und werden verdrängt von dem Nonsens und den Meldungen über den Geldwert des Sportes: Michael Schumacher verlängerte seinen Vertrag bei Ferrari um zwei Jahre und wird am Ende der Laufzeit etwa eine Milliarde Mark kassiert haben; Dirk Nowitzki, der Basketballer aus Würzburg, unterschreibt bei den Dallas Mavericks einen Sechs-Jahres-Vertrag, der ihm 90 Millionen Dollar garantiert; Zinedine Zidane, der Welt- und Europameister aus Frankreichs Fußball-Nationalmannschaft, verlässt Juventus Turin und wechselt für 147 Millionen Mark zu Real Madrid; Sebastian Deisler erhält unterdessen vom FC Bayern München schon mal 20 Millionen Mark vorab, damit er nach Ablauf der Saison von Hertha BSC nach München geht.

Und so ließe sich fortfahren aus der Welt des Sportes und der Abdsurditäten. Aber weil es ja weiter gehen soll, sei noch schnell an etwas Tröstliches aus dem Jahr 2001 erinnert: Regina Halmich, die Boxerin, nahm sich im Ring Stefan Raab, den Fernseh-Moderator, zur Brust. An sich bekloppt - aber nun zum Tröstlichen: Sie brach ihm dabei das Nasenbein.

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